Manhattan (Season 1) (USA 2014)

manhattan-season-1„Our work is so classified, the Vice President doesn’t know we exist. As far as he’s concerned, the Manhattan Project’s a leaky tunnel on the IRT.“ – Frank Winter

Das Manhattan-Projekt sollte nicht allein den Zweiten Weltkrieg beenden, sondern auch jeden weiteren Folgekonflikt ausräumen. Der Wettlauf um den Bau der ersten Atombombe, deren nie dagewesene Sprengkraft – zumindest in der Theorie – dauerhafte Abschreckung garantierte, erfolgte hinter verschlossenen Türen. Auf der einen Seite stand Werner Heisenberg, der für das Hitler-Regime nach der ultimativen Waffe forschte, auf der anderen J. Robert Oppenheimer. Im Auftrag des US-Militärs leitete der Physiker ab 1942 die geheimen Arbeiten von hunderten Wissenschaftlern, die sich an verschiedenen Standorten mit Hochdruck bemühten, den Lauf der Geschichte zugunsten der Alliierten zu verändern.

Mit der TV-Serie „Manhattan“ (Alternativschreibweise: „MANH(A)TTAN“) taucht Sam Shaw (als Autor u.a. an „Masters of Sex“ beteiligt) in diese für die Beschaffenheit der modernen Welt maßgebliche Zeit ein und nutzt den akribisch recherchierten realen Hintergrund für ein packendes Period-Drama. In dem geht es weitgehend um fiktionale Figuren – eine Ausnahme ist der am Rande vom perfekt besetzten Daniel London („Minority Report“) gespielte Oppenheimer –, über deren Beziehungen und Konflikte ein präzises Stimmungsbild vermittelt wird. Das erinnert in seinen Grundzügen an „Mad Men“, offenbart daneben aber einen überraschenden Facettenreichtum. Der gründet sich vorrangig aus dem Setting, dem Lager Los Alamos in der Einöde New Mexicos. In der eilig auf für die ansässigen Ureinwohner heiligem Boden hochgezogenen und vom Militär abgeriegelten Stadt leben die beteiligten Wissenschaftler mit ihren Familien auf engem Raum.

Los Alamos, daran lässt die Inszenierung (als Regisseur betätigte sich u.a. der auch produzierende Thomas Schlamme, „The West Wing“) keinen Zweifel, ist ein mysteriöser Ort, ein eigenen Regeln unterworfener Mikrokosmos. Im Sinne strengster Geheimhaltung sind Zensur und Überwachung an der Tagesordnung, die von der Verfassung garantierten Grundrechte werden fortwährend ausgehebelt. Die brillanten Köpfe, die an der größten Massenvernichtungswaffe der Menschheitsgeschichte arbeiten, sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die vollends im Dunkeln belassenen Frauen vertreiben sich die Zeit mit Aushilfstätigkeiten im Camp oder frönen dem Alkoholismus. Besonders hart trifft das die promovierte Botanikerin Liza (Olivia Williams, „Dollhouse“), Gattin des Physikers Frank Winter (John Benjamin Hickey, „The Big C“), sowie die rebellierende Teenagertochter Callie (Alexia Fast, Jack Reacher).

Frank ist Leiter einer kleinen Gruppe, die an einem Bombenmodell auf Implosionsbasis arbeitet. Während es ihm an Ressourcen und Unterstützung mangelt, gilt Kollege Reed Akley (David Harbour, „The Newsroom“) als große Hoffnung, das Rennen um die Bombe mit seinem konventionellen Modellentwurf zu gewinnen. Zu seinem Team stößt auch der junge Wissenschaftler Charlie Isaacs (Ashley Zukerman, „Rush“), der mit Frau Abby (Rachel Brosnahan, „House of Cards“) und Kind in die karge Einöde berufen wird. Zunächst scheint sich das Paar in der neuen Umgebung gut einzugewöhnen. Doch Charlies auch moralisch zehrende Arbeit und die damit verbundene Verschwiegenheit stellen ihre Beziehung auf eine harte Probe. Als er dann auch noch erkennen muss, dass Akleys Bombe eine entscheidende Schwachstelle aufweist, wendet er sich an den ihm wenig wohlgesonnenen Frank.

Der Reiz von „Manhattan“ liegt in der Fülle an Geheimnissen, die den Protagonisten trotz permanenter Überwachung anhaftet. Das gilt insbesondere für den egozentrischen Frank, der für das Heil des Projekts auch nicht vor dem folgenreichen Verrat eines engen Vertrauten – oder die Exklusion seines Mentors Glen Babbit (Daniel Stern, „City Slickers“) – zurückscheut. Aber der Zweck heiligt auch diesmal die Mittel. So ernst die Serie grundlegend erscheint, neben  surrealen Anflügen schleichen sich immer wieder humorige, bisweilen gar satirische Untertöne in „M*A*S*H“-Manier ein. Ihren Ausgang nehmen sie meist von Franks Team, bestehend aus der klugen Helen (Katja Herbers, „The Americans“), dem snobistischen Briten Paul (Harry Lloyd, „Die Entdeckung der Unendlichkeit“), dem übergewichtigen Gutmenschen Fritz (Michael Chernus, „Orange is the New Black“) und dem verschlossenen Meeks (Christopher Denham, „Argo“).

Die fragile soziale Gemeinschaft, auf Soldatenseite vertreten durch das junge Landei Cole Dunlavey (Jefferson White, „How to Get Away With Murder“), wird vorrangig vom eisernen Geheimdienstler Fisher (Richard Schiff, „The Affair“) auf die Probe gestellt. Der vermutet überall Spione und nimmt jedes Anzeichen für Subversivität zum Anlass für Verhöre, die in ihrer vorverurteilenden Schärfe Parallelen zum gegenwärtigen Krieg gegen den Terror aufweisen. Die Erzählung folgt trotz übergeordnetem Zusammenhang einer episodischen Struktur, die verschiedene Begebenheiten/Probleme nur für die Dauer einer Folge aufbringen. Damit weichen die Macher vom Gros der gegenwärtigen Qualitätsserien ab und schaffen dennoch ein Gesamtwerk, das ob der Güte von Darstellern – in Neben- bis Kleinrollen treten u.a. Peter Stormare („The Blacklist“), Carole Weyers („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“), Josh Cooke („Dexter“) und Lucia Micarelli („Treme“) in Erscheinung – durchweg überzeugt. Schade nur, dass die Serie nach Abschluss der zweiten Staffel abgesetzt wurde.

Wertung: (8 / 10)

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