Freud (Staffel 1) (A/D/CZ 2020)

Die Geburtsstunde der Psychoanalyse als übersinnliche Mördersuche

Die Vermengung realer Hintergründe mit fiktionalen Erzählstrukturen sind in der Film- und Serienkultur ein beliebtes Stilmittel. Mit „Freud“ folgt ein weiteres deutschsprachiges Format diesem Schema, wobei die Verortung bereits auf Basis des Titels ersichtlich wird. Denn im Zentrum steht der berühmte Tiefenpsychologe Sigmund Freud (1856 – 1939), der bislang wenig für Geschichten bemüht wurde, in denen Spannung und Gewalt zentrale Elemente markieren. Die von Marvin Kren („4 Blocks“) als Co-Schöpfer und Regisseur begleitete achtteilige Auftaktstaffel geht jedoch genau diesen zweifelsfrei kontrastierenden Weg und verstrickt den jungen Freud, sehenswert gespielt von Robert Finster („Prey“), in ein Komplott von weitreichender politischer Tragweite.

Der im Wien des Jahres 1886 angesiedelte Plot zeigt Freud am Beginn seines Werdegangs. Der aufstrebende Nervenarzt setzt auf Hypnose als Behandlungsmethode und ist obendrein Verfechter der Theorie des Unterbewusstseins. Von den medizinischen Kollegen, allen voran dem geachteten Professor Meynert (Rainer Bock, „Das weiße Band“), wird er dafür verlacht. Für die konservativen Mediziner sind Psychosen reine Hysterie. Bei ihrer Behandlung, etwa in der von Meynert geleiteten Nervenheilanstalt, kommen etablierte Methoden zum Tragen, die sich nah an der Folter bewegen. Doch Freud, der unter Meynert hospitiert, lässt sich von seiner Überzeugung nicht abbringen.  

Eine weitere Hauptfigur ist der aus Kriegstagen traumatisierte Inspektor Alfred Kiss (Georg Friedrich, „Nordwand“). Als eine junge Frau bestialisch ermordet aufgefunden wird, führen Spuren zu Georg von Lichtenberg (Lukas Miko, „Der Pass“), einem Offizier der königlich-kaiserlichen Armee. Die beiden Männer eint ihre gegenseitige Verachtung, was Kiss’ Verdacht als persönlich motiviert erscheinen lässt. Was zwischen den beiden Männern steht, erörtert Kren in Rückblicken, die Kiss’ innere Zerrüttung über brutale Ereignisse aus Kriegstagen lebendig werden lassen. Durch den Mord gerät Kiss erstmals an den mittellosen Freud, der ständig Gefahr läuft, ob der ausbleibenden Miete aus seiner Wohnung/Praxis geschmissen zu werden.

Freud‘sche Theorien versus Umsturzfantasien

Zunächst erscheinen viele Begebenheiten beiläufig. Auch die orgiastischen Feste, die von den ungarischen Exilanten Graf Viktor von Szápáry (Philipp Hochmair, „Charité“) und seiner Gattin Sophia (Anja Kling, „Wir sind das Volk“) auf deren Anwesen organsiert werden. Fester Teil dieser ausschweifenden Abendveranstaltungen ist das junge Medium Fleur Salomé (Ella Rumpf, „Tiger Girl“), das nicht allein in der Gunst der manipulativen Gräfin steht, sondern auch in deren Bann. Freud ist von Fleur fasziniert, muss über weitere mysteriöse Bluttaten, deren Hintergründe Fleur zu erfassen scheint, aber feststellen, dass sie an einer dissoziativen Störung leidet, die sie zwei Persönlichkeiten vereinen lässt: das Medium, das mit den Toten kommuniziert, und das Táltos genannte Überwesen, das die Lebenden kontrolliert.

Es fällt nicht leicht, in diesem komplexen, künstlerisch oft bewusst überhöhten Narrativ die Orientierung zu behalten. Als große Stärken der in Kooperation mit Netflix entstandenen österreichisch-deutsch-tschechischen Koproduktion erweisen sich die plastischen Figuren und die Ausstattung, die vom beachtlichen Aufwand kündet, das Zeitkolorit des späten 19. Jahrhunderts lebendig werden zu lassen. Parallelen zur artverwandten Serie „The Alienist“ (2018 – 2020) sind durchaus gegeben. Allerdings offenbart „Freud“ über psychedelische Nuancen und teils drastische Bilder einen eigenen Charakter. Das umschließt auch die gescholtenen, partiell Zerrütteten Hauptfiguren, denen als heiteres Gegengewicht Freuds Haushälterin Lenore (Krens Mutter Brigitte, „Blutgletscher“) und Kiss’ treuer Dienstpartner Poschacher (Christoph F. Krutzler, „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“) beistehen.

Die sich überlagernden Erzählstränge rücken Kiss nach einer Eskalation des Streits mit von Lichtenberg ins Visier von dessen Vater, Feldmarschall Franz (Heinz Trixner, „Aimee & Jaguar“), sowie dem Georg amourös zugetanen Oberleutnant Riedl (Aaron Friesz, „Hinterland“). Freud hingegen gerät durch Schlüsselfigur Fleur immer tiefer in eine von den Száparys orchestrierte Verschwörung, die über Kronprinz Rudolf (Stefan Konarske, „Das Boot“) die politische Realität der K-und-K-Monarchie auf den Kopf stellen soll. Die damit adressierte Zielgruppe ist zweifelsfrei spitzer als bei zugänglicheren serialen Unterhaltungsformaten. Wer sich auf „Freud“ einlassen kann, erlebt jedoch eine abgründige und punktuell überaus blutige Zeitreise, bei der Realität und Fiktion packend fusionieren. Fortsetzung erbeten.

Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

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