Léon – Der Profi (F 1994)

„No women, no kids, that’s the rules.“ – Léon

Das Kind im Körper eines Mannes und die Frau im Körper eines Kindes. Verbindungen wie diese machen das Kino aufregend und helfen, klassische Genre-Grenzen zu überwinden. In „Léon – Der Profi“ verschmelzen Thriller, Drama und Romanze zu einem eigenwillig kunstvollen Cocktail. Für den ist Luc Besson verantwortlich, der die Hauptrolle speziell auf Jean Reno zuschnitt und dem Typus des von ihm in „Nikita“ (1990) verkörperten „Cleaners“ damit einen eigenen Film widmete. 

Léon (Reno), jener wortkarge, im Herzen kindgebliebene Mann, lebt zurückgezogen in einem unscheinbaren New Yorker Wohnkomplex. Er schläft im Sessel, mit dem Blick zur Tür. Soziale Kontakte meidet er. Die Ausnahme ist Tony (Danny Aiello, „Do the Right Thing!“), sein Auftraggeber. Von ihm erfährt er, wen er auf Geheiß der italienischen Mafia für Geld töten soll. Léon arbeitet mit der Präzision eines Uhrwerks. Sein geordnetes, von Routinen geprägtes Leben wird komplett ausgehebelt, als er die frühreife Mathilda (Natalie Portman, „Black Swan“) in seine Wohnung und damit sein Leben lässt.

„I like these calm little moments before the storm. It reminds me of Beethoven. Can you hear it? It’s like when you put your head to the grass and you can hear the growin’ and you can hear the insects. Do you like Beethoven?“ – Stansfield

Sie ist die Tochter eines unbedeutenden Drogendealers (Michael Badalucco, „The Man Who Wasn’t There“), der ins Gehege des kriminellen DEA-Agenten Stansfield (mit entfesselter Performance: Gary Oldman, „Darkest Hour“) gerät. Als der die gesamte Familie auslöschen lässt, entrinnt Mathilda durch Léon nur knapp dem Tod. Widerwillig nimmt er sich ihrer an und öffnet damit seine unbedarfte, zwischen der Faszination fürs klassische Kino und der fürsorglichen Pflege einer Zimmerpflanze fast naive Welt für Emotionen, die mit seiner Profession kaum in Einklang zu bringen sind. 

Mehr noch will das Mädchen von Léon in die Kunst des Tötens eingeführt werden, um die Ermordung ihrer Familie zu sühnen. Das führt vor allem im lohnenswerten, gegenüber der Kinofassung rund 22 Minuten längeren Director’s Cut zu skurrilen Schulungseinheiten am lebenden Objekt – mit Farbpatronen im Gewehrlauf. Daneben erhält die Beziehung zwischen Léon und Matilda eine amouröse Komponente. Auch diese wird in der erweiterten Fassung deutlicher hervorgehoben. Wenn auch nur verbal. 

„Is life always this hard, or is it just when you’re a kid? “ – Mathilda

Was dem US-Publikum in Testvorführungen zu heikel erschien, Dialoge über Sex zwischen einem Erwachsenen und einer Minderjährigen, war für den Franzosen Besson offenkundig kein Problem. Zwiespalte bedient der Filmemacher mit der ungewöhnlichen Liaison jedoch höchstens im Subtext. Erzählerisch konzentriert er sich primär auf die zwangsläufige Eskalation, die Léon zum Schutze Mathildas auch außerberuflich zum Mörder werden lässt und damit ein von Stansfield angestacheltes Großaufgebot der Polizei gegen sich aufbringt. 

Der Showdown, bei dem Léon auf beengtem (Wohn-)Raum von einem Sondereinsatzkommando bedrängt wird, ist wuchtig, intensiv und blutig. Ein weiterer Pluspunkt ist der Verzicht auf ein herkömmliches Happy End. Doch liegt gerade darin die traurige Poesie: öffne dich für das Leben und finde den Tod. Der Status eines modernen Klassikers ist hochverdient. Besson variiert gekonnt US-amerikanische Standarten nach Bauart des europäischen Kinos. Als Produzent ging er später den umgekehrten Weg und adaptierte typische Hollywood-Action-Muster auf französischem Boden. Mit der Qualität – und Nachwirkung – eines „Léon“ sind diese Filme jedoch kaum in Einklang zu bringen.

Wertung: 8.5 out of 10 stars (8,5 / 10)

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