Hate 2 O (I 2006)

hate-2-oFrüher stand das italienische Kino für Genrefilme auf den Spuren amerikanischer Erfolgswellen. Ob nun Zombie- oder Tier-Horror, Sandalenschinken oder Spaghetti-Western, was die auswärtige Industrie zum Trend erhob, wurde im europäischen Süden bis zur Selbstaufgabe ausgelutscht. Vergessen wurden dabei gern die großen Regisseure der Nachkriegszeit, solche wie Fellini oder Visconti. Ihrer gedenkt man noch heute, während die breite Masse der Schundfilmer längst der Vergangenheit angehört. Seit Jahren nun stagniert der Italienische Film im kunstvollen Mittelmaß und erregt nur noch selten internationales Aufsehen.

Daran ändern wird auch der hoffnungsvolle Independent-Filmer Alex Infascelli („Almost Blue“) nichts, der sich zwar klassischen Genremustern und einer zeitgemäßen Optik bedient, diese aber in kopflastig verstörende Visionen gespaltener Persönlichkeiten bettet. In „Hate 2 O“ ist es die von Olivia (Chiara Conti, „Do You Like Hitchcock?“), zusammen mit vier anderen Frauen, die mehr gute Bekannte als Freundinnen sind, zum Fasten auf ein abgelegenes Eiland verreist. Sieben Tage ohne Nahrung, ohne Technik, ohne Kontakt zur Außenwelt. Die Versorgung besteht aus nichts anderem als Wasser.

Infascelli folgt Motiven des Horrorfilms, wenn er in alptraumhafter Suggestion die zunehmenden Spannungen in der Gruppe vorgaukelt. Dabei verzichtet er auf Tempo, ebenso auf eine vordergründige Dramaturgie. Die Isolation löst bei Olivia einen Prozess aus, der sie in die Schizophrenie treibt. Der nie überwundene Tod ihrer Zwillingsschwester Helena, der sie fortlaufend Nachrichten schreibt, führt dazu, dass dunkle Stimmungsbilder und Hassgefühle allmählich die Oberhand gewinnen. Je stärker sie sich abkapselt, desto größer wird die Gefahr für das Leben ihrer Begleiterinnen.

So wenig sich die Geschichte auch bewegt, der visuelle Stil macht die entrückte Leere der Figuren erfahrbar. Kalte Landschaftsbilder überlagern sich mit den kargen Interieurs einer gläsern wirkenden Villa, Gesichter ergehen sich in Überblenden in zunehmendes Starren. Die Handlung plätschert vor sich hin, führt fast hypnotisch Bildelemente vor Augen. „Hate 2 O“ ist ein Mosaik unbequemer Emotionen, ausgedrückt mit filmischen Mitteln. Die unkonventionelle Aufarbeitung dessen, was hätte ein archetypischer Slasher sein können, ermöglicht ein kunstvolles wie gleichsam schwer zugängliches Psycho-Drama, das fesselt und zugleich ermüdet.

Die surreale Stimmung wird durch reduzierte Gitarrenklänge untermauert. Der Schnitt untersteht dem Blick in Olivias Wahnvorstellungen. Ihre Angst wird die des Zuschauers, wenn sie aus unterschiedlicher Perspektive und ohne Schnitt ein Zwiegespräch mit ihrem Spiegelbild führt. Selbst am Ende, wenn sich der Hass in Handgreiflichkeiten entlädt und Make Up-Künstler Sergio Stivaletti („Dellamorte Dellamore“) die Andeutung seines Könnens vollführt, bricht das subtile Gerüst nicht ein. In der breiten Öffentlichkeit wird dies visuell berauschende Werk ob seiner Sperrigkeit kaum Anklang finden. Es richtet sich an ein Publikum, das mit der filmischen Rezeption gefordert werden will. Allein das gab es im italienischen Film lange nicht mehr.

Wertung: (7 / 10)

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