Hellraiser (USA 2022)

„Our gifts are boundless.“ – The Priest

Kein Horrorklassiker ohne zeitgenössisches Remake. Oder Reboot. Im Falle von „Hellraiser“ hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Denn dem Original (1987) und seiner gelungenen ersten Fortsetzung (1988) folgten bis 2018 neun Sequels meist bescheidener Qualität. Allerdings verleitete auch die turbulente Produktionsgeschichte der Neufassung nicht zwingend zu Begeisterungsstürmen: Seit 2006 wurden verschiedene Anläufe unternommen, die Geschichte modern aufzubereiten. Als Regisseur war, neben Werkschöpfer Clive Barker, u. a. Pascal Laugier („Martyrs“) im Gespräch. Nicht allein in seinem Falle scheiterte die finale Umsetzung an kreativen Differenzen mit den Produzenten.

Deren aus kommerzieller Warte berechtigtes Interesse verlangt eine konventionelle Inszenierung. Für die bürgte schlussendlich Regisseur David Bruckner („The Signal“), dessen Version 2022 beim US-Streaming-Dienst Hulu Premiere feierte. Stärker als zuvor rückt das Skript – als einer der Story-Lieferanten fungierte der neben Barker auch produzierende „The Dark Knight“-Autor David S. Goyer – die Mechanik der mysteriösen Puzzlebox in den Fokus. Mit ihr lassen sich die Pforten der Hölle öffnen, was bei reger Opferzufuhr eine Honorierung durch Überwesen Leviathan verheißt. An der ist Okkult-Kunstsammler Roland Voight (Goran Visnjic, „The Girl With the Dragon Tattoo“) gelegen, der den gerufenen Sado-Dämonen, jenen ikonischen Zenobiten, im Prolog einen ahnungslosen Jüngling als Blutzoll entrichtet.

Sechs Jahre später ist es an der alkoholkranken Riley (Odessa A‘zion, „The Inhabitant“), das Geheimnis der Puzzlebox zu ergründen. In ihren Besitz gelangt das Artefakt während eines vom Geliebten Trevor (Drew Starkey, „The Devil All the Time“) initiierten Einbruchs. Als sie die Box im Rausch aktiviert, ohne durch eine herausschnellende Klinge selbst als Opfer der Zenobiten markiert zu werden, nehmen ihre schlimmsten Alpträume Gestalt an. Denn für jede Konfiguration der Box fordern die von Pinhead – hier durch Jamie Clayton („The Neon Demon“) erstmals weiblich figuriert und lediglich als „The Priest“ gelistet – angeführten Zenobiten ein Leben. Als ersten trifft es Rileys Bruder Matt (Brandon Flynn, „13 Reasons Why“), dessen spurloses Verschwinden in Nachforschungen der Hinterbliebenen mündet.

Allerdings nimmt dieser Teil der Erzählung, nicht allein gemessen am Vorwissen des Publikums, deutlich zu viel Raum ein. Dabei muss Bruckners mit rund zwei Stunden Laufzeit dezent gedehnter Neuinterpretation zugutegehalten werden, dass die Atmosphäre stimmig ausfällt und auch Hauptdarstellerin A’zion als problembeladene Anti-Heldin eine überzeugende Figur macht. Vom Skript kann das nicht durchweg behauptet werden, was sich abseits vorhersehbarer Wendungen vorrangig an den u. a. von Selina Lo („Boss Level“) und Jason Liles („Rampage“) verkörperten Zenobiten zeigt. Denn deren eindrucksvolle Erscheinung können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Pinhead & Co., bedingt durch die schier sklavische Bindung ans Regelwerk der Puzzlebox, lediglich auf Abruf echte Gefahr erzeugen.

Die trifft Riley, Trevor, Matts Liebespartner Colin (Adam Faison, „Everything’s Gonna Be Okay“) sowie Mitbewohnerin Nora (Aoife Hinds, „Normal People“), als sie in Voights scheinbar verlassenem Anwesen nach einem Weg suchen, Matt ins Leben zurückzuholen. Wer im Fortlauf als Opfer auserkoren wird, bleibt weitgehend ersichtlich. Dabei nimmt der Gewaltgrad in Hälfte zwei zwar zu, bleibt aber immer im Rahmen des kommerziell zumutbaren. Auch dahingehend wird das Potenzial nur unzureichend ausgeschöpft. Doch ist „Hellraiser“ für sich genommen – und gerade im Vergleich zu den meisten anderen Beiträgen der Reihe – kein schlechter Film. Aber eben auch einer, der in Machart und Erzählung den Weg des geringsten Widerstands geht. Das klassische, auch diesmal bemühte Pinhead-Zitat „We have such sights to show you.“ stößt beim konventionellen Horror eben rasch an seine Grenzen.

Wertung: 6 out of 10 stars (6 / 10)

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