Flags of Our Fathers (USA 2006)

flags-of-our-fathersClint Eastwood hat einen Kriegsfilm gedreht. Seinen ersten. Darin kämpft er – wie seine Protagonisten – an zwei Fronten. Die eine zeigt die Gräuel: aus zerfetzten Leibern quellende Eingeweide, junge Männer, von Kugeln zerrissen. Das wirkt nach. Den größeren Effekt aber hat der Blick in die Heimat. Dort wird um Glorifizierung gefochten, die Erschaffung von Heldentypen. Dem militärischen Prozess muss in den Köpfen der Bevölkerung mit Wohlwollen begegnet werden. Bei der breiten Masse soll er Zuspruch finden, damit sie Kriegsanleihen kauft. Denn vor der Schlacht steht das Vernichtungswerkzeug. Und dessen Anschaffung verschlingt Unsummen. Die Finanzierung ermöglicht Joe Rosenthals Fotografie, die sechs Soldaten beim Hissen der amerikanischen Flagge zeigt. Auf japanischem Boden, auf der hart umkämpften Pazifikinsel Iwo Jima.

Alles beginnt mit dem Herzinfarkt des Veteranen John Bradley. Nachts, geplagt von den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, bricht er auf der Treppe seines Hauses zusammen. Sein Sohn James wird darauf, während der Vater auf dem Krankenbett zwischen Leben und Tod schwebt, das Buch schreiben, auf dem Eastwoods „Flags of Our Fathers“ beruht. Es ist die Recherche eines Mannes, der sich gegen die Abkehr von der Wahrheit wendet und die Hintergründe eines manipulativen PR-Feldzugs offenbart. Paul Haggis, der auch das Drehbuch zu Eastwoods „Million Dollar Baby“ schrieb, lieferte mit William Broyles Jr. („Jarhead“) auch die Vorlage zum, wenn schon nicht besten, dann zumindest wichtigsten Opus des Oscar-gekrönten Regisseurs.

John Bradley, gespielt von Ryan Phillippe („L.A. Crash“), ist einer der sechs Soldaten, die im Februar 1945 die Fahne auf dem Berg Suribachi in die Höhe recken. Wenig später, als das Bild ihrer Aufrichtung seinen Triumphzug durch die amerikanische Presse antritt, sind drei der Männer bereits gefallen. Die Verbliebenen (u.a. Adam Beach, „Windtalkers”) werden in die Heimat abkommandiert. Sie sollen das Volk mobilisieren, für das Militär werben und Fördergelder in die leere Kriegskasse fließen lassen. Das Foto steht für eine neue Hoffnung, den Heldenmut der Streitkräfte, nicht zuletzt den neu entfachten Siegeswillen. Die Realität auf dem Schlachtfeld ist eine andere. Das unwirtliche Eiland Iwo Jima, nur wenige Quadratkilometer groß, bringt mehr als 25.000 Soldaten den Tod. Die meisten von ihnen sind Japaner. Ihr Schicksal zeigt Eastwood in einem anderen Film – dem im direkten Anschluss gedrehten „Letters from Iwo Jima“.

Das besondere an „Flags of Our Fathers“ ist seine Doppelbödigkeit. Die Aktualität der ungeschönt dargestellten Propagandaszenerie wird durch die Irakpolitik der Regierung Bush gestärkt. Auch dort werden Versuche unternommen, den katastrophalen militärischen Einsatz durch heroisierte Einzelpersonen zu beschönigen. Das Land braucht seine Helden – gerade in der Stunde schwindender Wählergunst. Doch offenbart der Film eindrucksvoll, wie schnell Amerika seine Heroen wieder vergisst. Nach dem Krieg, wenn die Normalität den Schrecken überspielt hat, erinnert sich kaum jemand an sie. Eastwood erlaubt sich keine Unsachlichkeiten. Pathos und Überdramatisierung sind ihm fremd. Kleinere Schwächen, gerade in der überflüssigen Rahmenhandlung und deren überlangem Epilog, mindern nicht die Außergewöhnlichkeit des Gesamtwerks. Denn es geht nicht nur um die Bestie Krieg, sondern auch die Kontrollmechanismen dahinter.

Wertung: (8 / 10)

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