American Sniper (USA 2014)

Auch wenn es viele Kritiker so darstellten: „American Sniper“ ist kein patriotischer Film. Vielmehr erzählt der vierfache Oscar-Preisträger Clint Eastwood („Million Dollar Baby“) in seiner 34. Arbeit als Regisseur die Geschichte eines unbedingten Patrioten. Aus diesem feinen Unterschied ergibt sich eine wesentliche Konsequenz: der weitgehende Verzicht auf Pathos. Die Vita des zumindest in den USA hinreichend bekannten Scharfschützen Chris Kyle hätte leicht zum Hohelied auf Militarismus und Vaterlandstreue werden können. Doch Eastwood bemüht sich um differenzierte Töne. Nur laufen die weitgehend ins Leere, da die eigentlich interessanten Aspekte der Geschichte nahezu ausgeklammert bleiben.

Im Mittelpunkt steht der Krieg im Irak. Für Chris, überzeugend verkörpert vom Oscar-nominierten Bradley Cooper („Silver Linings“), ist er der wesentliche Lebensinhalt. Der geduldigen Gemahlin Taya (Sienna Miller, „Live By Night“), mit der er eine Familie gründet, erschließt sich nicht, warum Chris im Auslandseinsatz immer wieder sein Leben riskiert. Dabei folgt er lediglich dem väterlichen Credo, das die Menschen in drei Kategorien unterteilt: die Schafe, die Wölfe und die Hütehunde. Und so wird er zum ständigen Beschützer und sichert als Scharfschütze aus der Distanz das Überleben der Kameraden im Feindesland. Welche Bürde das bedeutet, verdeutlicht gleich sein erstes Eingreifen, bei dem er gezwungen ist, ein Kind zu erschießen.

Cooper, der sich zwanzig Kilo Muskelmasse antrainierte, um der Physis des echten Chris Kyle gerecht zu werden, vermittelt die charakterliche Ambivalenz glaubhaft. In der Heimat, im vergleichsweise unbescholtenen Alltag, fühlt sich Chris fremd. Sein Terrain ist das Kriegsgebiet, in der die Welt auf den Blick durchs Zielfernrohr reduziert wird. Während vier Einsätzen im Irak brachte es Chris Kyle auf mehr als 160 bestätigte Tötungen – eine davon aus fast zwei Kilometern Entfernung. Damit rettete er unzähligen Kameraden das Leben. „American Sniper“ basiert auf der von ihm selbst verfassten, kontrovers diskutierten Biographie. Das ebenfalls Oscar-nominierte Drehbuch von Jason Hall („Paranoia – Riskantes Spiel“) legt den Fokus auf den Krieg, den Eastwood in aufrüttelnden, brutalen Bildern zeigt.

Viel zu kurz kommt hingegen das menschliche, dramaturgisch weit eindringlichere Moment: Chris‘ mühsamer Kampf zurück in ein Leben abseits des Krieges. So bleibt er streckenweise nur eine Maschine, die aus Vaterlandsliebe Menschen tötet. Zudem wirken manche Aspekte überflüssig, vorrangig das erfundene Duell zwischen Chris und dem seinerseits besten Scharfschützen der irakischen Aufrührer. Gebraucht hätte es diese konventionelle Triebfeder nicht. Als Kriegsfilm überzeugt „American Sniper“, als Biopic eines Parade-Soldaten fehlt es mitunter jedoch an kritischer Distanz. Den Stallgeruch des Heldendenkmals kann Eastwood somit nicht vollends entkräften. Das US-Publikum hätte dies aber vermutlich auch nicht toleriert. Als Chris Kyle am 2. Februar 2013 auf einem Schießstand von einem psychisch gestörten Irakkriegs-Veteranen erschossen wurde, war die nationale Anteilnahme immens. Ein Hauch von Verklärung muss daher wohl unweigerlich in Kauf genommen werden.

Wertung: (7 / 10)

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