Der Gott des Gemetzels (F/D/E/PL 2011)

der-gott-des-gemetzelsWenn die bürgerliche Maske fällt, fordert „Der Gott des Gemetzels“ seinen Tribut: In der Verfilmung des gleichnamigen, mehrfach ausgezeichneten Theaterstücks von Yasmina Reza lässt Meisterregisseur Roman Polanski („Der Pianist“) ein erstklassiges Schauspielquartett (verbal) übereinander herfallen. Die Oscar-Preisträger Jodie Foster („Das Schweigen der Lämmer“), Kate Winslet („Der Vorleser“), Christoph Waltz („Inglourious Basterds“) sowie John C. Reilly (für seine Mitwirkung in „Chicago“ Oscar-nominiert) laufen dabei zu Höchstform auf.

Diskutiert werden existenzialistische Fragen von Moral und Verantwortung. Ausschlag für die Zusammenkunft gibt ein Streit unter Kindern. Weil der Sohn von Nancy und Alan Cowan (Winslet und Waltz) dem gleichaltrigen Spross von Penelope und Michael Longstreet (Foster und Reilly) im Park zwei Zähne ausgeschlagen hat, treffen die Elternpaare in der Wohnung der Longstreets zusammen. Anfangs geben sich die Erwachsenen betont friedvoll und bekunden ihren Wunsch, eine einvernehmliche Lösung des Konflikts anzustreben. Komplimente werden ausgetauscht, die Gesprächspartner in nervösem Small Talk gemustert.

Für Unruhe sorgt der ständig zum Telefon greifende Jurist Alan, der versucht, einen Pharma-Konzern vor einem Medikamentenskandal zu bewahren. Das Präparat, dessen schädliche Wirkung er zu vertuschen gedenkt, wird auch von Michaels Mutter genommen. Dispute brechen aber nicht allein wegen Alan und seiner moralisch bedenklichen Tätigkeit auf, die vor allem der sozialkritischen Autorin Penelope aufstößt. So lässt sich die kategorische Verurteilung des Cowan-Sohnes durch die Longstreets nicht länger verteidigen, als Michael in Erklärungsnot gerät, weil er den Hamster der Tochter im Rinnstein entsorgt hat.

Nachdem die Aussprache mehrfach zu scheitern droht und Nancy den servierten Apfel-Birnen-Cobbler auf Penelopes rare Kunstbücher gekotzt hat, zählen Etikette und Anstand spätestens nach ein paar Gläsern Whiskey gar nichts mehr. Das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Lebensentwürfe fördert allmählich individuelle Enttäuschung und verdrängte Wut zutage. Die Fronten wechseln ständig. Mal sind es die Paare gegeneinander, dann untereinander oder die Männer verbrüdern sich gegen die Frauen. Die daraus resultierenden Wortgefechte inszeniert Polanski so scharfsinnig wie -züngig.

Zwischen galligem Drama und bissiger Satire macht er das Vier-Personen-Stück zum entlarvenden Blick hinter die Fassade der Kleinbürgerlichkeit. Polanski, der mit Reza auch das Drehbuch schrieb, verlagert die Handlung von Paris nach New York (gedreht wurde aufgrund des noch immer gültigen Haftbefehls gegen ihn dennoch in Paris). Zwingend subtil ist dieser kurzweilige Spiegel der Gesellschaft zwar nicht geraten, aber allein Waltz sardonisches Grinsen und Fosters tief hängende Tränensäcke machen den von Alan zitierten „Gott des Gemetzels“ zu einem hochkarätigen und darstellerisch spektakulären Vergnügen.

Wertung: (8 / 10)

 

scroll to top