Das Grab der Sonne (J 1960)

das-grab-der-sonneSeine Karriere begann der 1932 geborene Nagisa Ôshima als Autor und Regieassistent, ehe er 1959 mit „Eine Stadt voller Liebe und Hoffnung“ sein Langfilmdebüt ablieferte. Nur ein Jahr später, mit „Nacht und Nebel über Japan“ und „Das Grab der Sonne“, etablierte er eine neue Strömung des japanischen Kinos, die sich eng an der Nouvelle Vague orientierte – und die durch eindeutige politische Statements und desillusionierte gesellschaftliche Bestandsaufnahmen heftige Kontroversen hervorrief.

Ein Meilenstein dieses Erneuerungskinos ist besagter „Das Grab der Sonne“, in dem Ôshima eine hoffnungslose Milieustudie vor dem Betrachter ausbreitet. Jene rankt sich um die Bewohner des Armenviertels Kamagasaki, an denen der wirtschaftliche Aufschwung der Fünfziger komplett vorüberzieht. Also halten sich die Menschen an organisierte Banden, das Durchwühlen der Mülldeponie oder den Handel mit Blut, das an die boomende Pharmaindustrie weiterverkauft wird.

In diesem Gewerbe versucht sich auch die junge Hanako (Kayoko Honoo), die, als Schlampe verschrien, mit dem gutmütigen Gangfrischling Takeshi (Isao Sasaki) anbandelt. Der ist der Gewalt nicht gewachsen und versucht erfolglos den Ausstieg. Perspektiven gibt es keine. Mühsam halten sich die gestrandeten Existenzen über Wasser. Die wenigen Mächtigen machen auch in diesem Pfuhl ihren Schnitt – mit Zwangsprostitution und Raub. Ein Großteil aber bleibt einfach auf der Strecke.

Das Portrait eines isolierten Gesellschaftsrandes besticht durch die emotional entrückte Nüchternheit und eine kunstfertige Klarheit der farbintensiven Breitwandbilder, die das Elend nicht in überfrachtete Symbolik verpackt und sie dem Zuschauer erst recht nicht schonend zu eröffnen versucht. „Das Grab der Sonne“ ist ein wütendes Sozial-Drama, das bei aller gebotenen Distanz von der Virtuosität Ôshimas zeugt. Als Auftakt der herausragenden DVD-Reihe „Japanische Meisterregisseure“ ist er darum perfekt gewählt.

Wertung: (9 / 10)

scroll to top