Sing a Song of Sex (J 1967)

singasongofsexMitte der Sechziger wendete sich Nagisa Ôshima („Im Reich der Leidenschaft“) desillusioniert und enttäuscht vom japanischen Studiosystem ab und gründete seine eigene Filmproduktionsfirma. Diese Unabhängigkeit ermöglichte ihm die Realisierung seiner Werke ohne künstlerische Eingriffe, was ein minimalistisches Konzept wie das von „Sing a Song of Sex“ maßgeblich begünstigte. Denn der Autorenfilmer drehte sein 1967 entstandenes Drama binnen weniger Tage mit Laiendarstellern in den Vororten Tokios.

Er erzählt von einer Jugend ohne Motivation, deren triebhafte sexuelle Begierde sie zwangsläufig ins Unglück steuern lässt. Anstatt zu studieren vertreiben sich vier Freunde die Zeit lieber im Amüsierviertel Shinjuku, wo sie ihrer sexuellen Fantasie freien Lauf lassen und der Geliebten eines Dozenten nachstellen. Jener Lehrer, selbst in Tokio wohnhaft und von den weiblichen Studenten angehimmelt, bringt ihnen eines verhängnisvollen Abends in angetrunkenem Zustand anzügliche Lieder näher. Denn diese Obszönität, so sagt er, entspreche der Stimme der Unterdrückten.

Auch der zweite Teil der hervorragenden DVD-Reihe „Japanische Meisterregisseure“ widmet sich dem Wirken Ôshimas – und präsentiert den hierzulande bislang unveröffentlichten „Sing a Song of Sex“ als Leckerbissen für jeden Cineasten. Das Stimmungsbild einer Jugend ohne politische Ideale wird von Auszügen der Gegenbewegung kontrastiert, die sich in Protesten gegen den Vietnamkrieg sowie Demonstrationszügen gegen die neu aufflammende Selbstherrlichkeit Japans und den Stolz der Elterngeneration auf die Vorkriegsblüte des Kaiserreiches niederschlägt.

Der Streifzug des Quartetts und die Suche nach einem Mädchen, von dem sie lediglich die Sitznummer einer kürzlich absolvierten Prüfung kennen, werden zum Zeugnis einer moralischen Degeneration. Der tragische Tod des Lehrers wird gleichgültig zur Kenntnis genommen, statt Anteilnahme zu zeigen sinnieren die Vier über Vergewaltigung. Das ungeschliffene, oft improvisiert wirkende Breitwand-Portrait einer Jugend ohne Antrieb war durch den freien Umgang mit dem Tabuthema Sex seinerzeit ein provokanter Beitrag zur gesellschaftlichen Reflexion. Heute wird daraus ein bemerkenswertes Stück Zeitkolorit.

Wertung: (8 / 10)

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