Crocodile (ROK 1996)

crocodile-kim-ki-dukKim Ki-Duk ist ein höchst eigenwilliger Regisseur. Mit seinen Protagonisten geht er dahin, wo es weh tut. Werke wie „Seom – Die Insel“ oder „Bad Guy“ sind alles andere als bequeme Unterhaltung. Sie künden von Verrohung, Gewalt, aber auch Einsamkeit und die Unfähigkeit emotionaler Regungen. Das alles vereint bereits „Crocodile“, sein 1996 gedrehter und über Visimundi erstmals in Deutschland auf DVD veröffentlichter Erstling. Der ist offenkundig für wenig Geld produziert, zeigt dadurch aber nur umso eindrucksvoller die ungeschliffene Schaffenskraft eines aufstrebenden Filmemachers.

Am Han-Fluss in Seoul fristen der aufbrausende Crocodile (Jae-hyeon Jo, „Sword in the Moon“), der alte Mr. Oh (Mu-song Jeon, „The Garden of Heaven“) und der erst 10-jährige Aeng-bal (Jae-hong Ahn, „Season in the Sun“) ein ärmliches Dasein. Die Zweckgemeinschaft haust unter einer Brücke, wo Crocodile Selbstmördern in die Fluten folgt, um ihnen ihre Barschaft zu nehmen. Als sich Hyun-jung (Yun-kyeong Woo, „Destiny“) umbringen will, rettet er sie vor dem Ertrinken und vergewaltigt sie noch in der gleichen Nacht. Ungeachtet seiner Tat bleibt die junge Frau bei ihnen. Doch der quasi-familiäre Zweckverbund ist zum tragischen Scheitern verurteilt.

Leicht macht es Kim Ki-Duk dem Zuschauer nicht. Titelfigur Crocodile ist ein ungehobelter Asozialer, den lediglich seine Dummheit vor dem Stand eines Psychopathen bewahrt. Denn die meisten seiner wenig durchdachten kriminellen Vorhaben enden mit einer gehörigen Trachtprügel. Seine sensible Seite kitzelt Hyun-jung nur zögerlich hervor. In fast träumerischen Sequenzen richtet er sich im Fluss eine Art Wohnzimmer ein. Erst an dieser abgeschiedenen Zuflucht kann er sein, wer er ist. Der Kontrast der bitteren Realität an der Oberfläche aber holt ihn nur zu schnell wieder ein. Seine schier unkontrollierbare Gewaltbereitschaft lässt ihn auf einen Abgrund zusteuern.

In kargen Bildern und einer fast episodischen Bewegungslosigkeit verschlingt das Elend die Figuren. Die Machart erinnert an die frühen Werke Wong-Kar Wais. Auch sie blieben formal auf das notwendigste beschränkt. Der Unterschied liegt in der Illusion. Kim Ki-Duk lässt die Hoffnung auf eine Wende im Leben der Figuren zwar zu, macht aber von Beginn an keinen Hehl aus ihrem zwangsläufigen Scheitern. Im Gegensatz zur Hauptfigur wird die Geschichte damit Berechenbar. Es bleibt ein schwieriges Melodram, das weit mehr fordert als es gibt. Eine bittere wie langatmige Charakterstudie, so schroff wie bewegend.

Wertung: (7 / 10)

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