Blue Jasmine (USA 2013)

blue-jasmineDen Wald vor lauter Bäumen…

Dass Woody Allen („Midnight in Paris“) Komik und Tragik gleichermaßen beherrscht, bewies der vierfache Oscar-Preisträger im Laufe seiner mittlerweile mehr als fünf Jahrzehnte umspannenden Karriere immer wieder. Doch selten blieben seine Werke von solch umfassender Bitterkeit überschattet wie im Falle von „Blue Jasmine“. Der nach verschiedenen Abstechern in europäische Metropolen wieder in den USA, genauer Los Angeles, spielende Film zeigt Allen von seiner genialischen Seite, wenn er frei von Häme das große Scheitern einer sich maßlos überschätzenden Frau skizziert. Auf beißende Ironie und geschliffene Dialoge muss dabei jedoch mitnichten verzichtet werden.

Doch wäre all das nur die Hälfte wert, würde in der Hauptrolle nicht Cate Blanchet („Der seltsame Fall des Benjamin Button“) eine fulminante und völlig zurecht Oscar-prämierte Darbietung offenbaren. Als schicksalsgebeutelte Jasmine reist sie nach einem Nervenzusammenbruch zu Adoptivschwester Ginger (Sally Hawkins, „Happy-Go-Lucky“) nach Kalifornien. Dass sie ihr gesamtes Vermögen verloren hat, hält die labile Diva nicht davon ab, erster Klasse zu fliegen. Die Frau im Sitz neben ihr muss sich einen selbstmitleidigen Monolog anhören, der die Last auf den Schultern der gebeutelten Millionärsgattin zusammenrafft. Nur führt der, wie übrigens fast sämtliche ihrer wortreichen Ausführungen, beinahe gänzlich an der Realität vorbei.

In Rückblicken zeigt Allen die Ausmaße des sozialen Absturzes. Jasmines untreuer Gatte Hal (Alec Baldwin, „To Rome with Love“) hat mit betrügerischen Geldgeschäften Millionen gescheffelt. Als das kriminelle Treiben aufflog und er verhaftet wurde, erhängte er sich im Gefängnis. Der gemeinsame Sohn gibt ihr die Schuld. Aber hat Jasmine zur Wahrung des sozialen Status wirklich beide Augen vor den Machenschaften Hals verschlossen und den Ehemann gar an die Polizei verraten? Wertend ist die Betrachtung ihrer Figur nie. Das besorgt allein die großartige Blanchett, die als wirr vor sich hinbrabbelndes Wrack auch mal Mitleid beim Zuschauer einfordert, deren Jasmine grundlegend aber exakt das bekommt, was sie mit ihrem Verhalten forciert.

Natürlich ist ihr die Wohnung der Schwester zu klein und der Freund (Bobby Cannavale, „Boardwalk Empire“), wie übrigens das gesamte Milieu, zu proletenhaft. Um Geld zu verdienen, heuert sie als Sprechstundenhilfe bei einem Zahnarzt (Michael Stuhlbarg, „A Single Man“) an. Zwar zeigt der reges Interesse an ihr, doch verlangt es sie nach einem vorzeigbaren vermögenden Neu-Ehemann. Der scheint mit Diplomat Dwight (Peter Sarsgaard, „Jarhead“) bald gefunden. Nur verstrickt sich Jasmine in ein Lügenkonstrukt, das unmöglich dauerhaft aufrechterhalten werden kann. Mit der ihm gewohntermaßen anhaftenden Leichtigkeit inszeniert Woody Allen auch das große Drama. Die Besetzung ist mit den Komikern Louie C.K. („American Hustle“) und Andrew ‘Dice‘ Clay („Ford Fairlane“) einmal mehr bis in die Nebenrollen sehenswert. Im Schatten der überragenden Cate Blanchett ist hier allerdings relativ wenig zu holen.

Wertung: (9 / 10)

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