Blind Side – Die große Chance (USA 2009)

blind-side-2009Für Sandra Bullock dürfte das Jahr 2010 eines der ereignisreichsten ihrer Karriere gewesen sein. Nicht allein aufgrund der Trennung vom notorisch untreuen Gatten Jesse James, die als medial ausgetragene Schlammschlacht die Tagespresse beschäftigt hielt. Nein, vor allem schauspielerisch gab es ungewohnt große und vor allem überraschend ambivalente Resonanz. Für ihre Darbietung in „All About Steve“ erhielt Bullock die Goldene Himbeere, durfte als Kontrastmittel aber gleich darauf den Oscar als Beste Hauptdarstellerin in Empfang nehmen. Den erhielt sie für die sehenswerte Performance im Gutmenschen-Drama „Blind Side“, das auf wahren Begebenheiten beruht, die Wirklichkeit in bester Hollywood-Manier aber unter hochglänzendem Edelkitsch begräbt.

Die Bullock ist Leigh Anne Tuohy, erfolgreiche Geschäftsfrau und glücklich verheiratete Mutter zweier Kinder. Mit ihrer Familie wohnt sie in einem großen Haus, fährt ein großes Auto und dankt dem Herrgott artig für das ihr beschienene Glück. Weniger gut meinte es das Schicksal hingegen mit dem afroamerikanischen Teenager-Riesen Michael Oher (Quinton Aaron, „Be Kind Rewind“), genannt Big Mike, der Obdach- und Mittellos die gleiche Schule besucht wie Leigh Annes Kinder. Ein Schwarzer im weißen Wohlstandsbezirk also, der, wie Leigh Anne feststellt, wirkt wie eine Fliege im Milchglas. Ermöglicht wird dem verschlossenen Teenager, den die cracksüchtige Mutter in Pflegefamilien abschob, die Ausbildung durch seine Statur.

Michael begeistert sich für Sport und weckt im Trainer des Footballteams die Hoffnung auf den spielentscheidenden personellen Vorteil. Begründet wird die Chance des Außenseiters mit christlicher Nächstenliebe. Doch stößt die bald an ihre Grenzen. Der sanfte Riese mit einem IQ von 80 wird von der Lehrerschaft als dumm abgestempelt. Aber da ist ja noch Südstaatenlady Leigh Anne, die, wohlhabend, konservativ und gottesfürchtig, mit entwaffnendem Mundwerk den selbstlosen Türöffner gibt. Gatte Sean (Tim McGraw) hat wenig Mitspracherecht und so wird Michael von Familie Tuohy aufgenommen und gefördert, bis sich die Universitäten um den schnell zum Footballstar avancierenden Underachiever reißen.

Darauf ein Halleluja, denn was Regisseur John Lee Hancock („Alamo“) uns da unterjubelt, ist unterschwellig schuldbeladenes Erbauungskino für die weiße Masse. Vermittelt wird der Eindruck, als liege die Zukunftschance der Afroamerikaner in der Güte gut situierter Weißer, die ihnen Obdach, Kleidung, SUV und eine mütterliche Nachhilfelehrerin (stiehlt der Bullock wenigstens die ein oder andere Szene: Kathy Bates, „Misery“) bieten. Erspart würde ihnen damit das Schicksal, so zeigt der eingeschränkte Blick auf die übrigen Schwarzen im Film, der Gangs, der Drogen, der Gewalt. Als herzerwärmende Mär vom Aufstieg des Chancenlosen erfüllt das Sport-Drama seinen Zweck. Gänzlich abschütteln kann „Blind Side“ den schalen Beigeschmack jedoch nie.

Wertung: (6 / 10)

 

scroll to top