King Richard (USA 2021)

„Venus and Serena gon’ shake up this world.“ – Richard

Die Oscar-Verleihung 2022 wird unvergessen bleiben. Wegen eines Witzes über den Haarausfall seiner Frau, Jada Pinkett-Smith, stürmte Will Smith auf die Bühne und ohrfeigte Moderator Chris Rock. Dass der dünnhäutige Smith wenig später den Oscar als bester Hauptdarsteller überreicht bekam, erschien in der Nachwehe des Wutausbruchs beinahe nebensächlich. Seinen Verdienst als Schauspieler schmälerte der 53-jährige damit nachhaltig. Das ist umso bedauerlicher, da der zuvor bereits mit dem Golden Globe ausgezeichnete Mime als „King Richard“ wahrlich zu Höchstform aufläuft.

Jener Richard ist der Vater der afroamerikanischen Tennis-Legenden Venus und Serena Williams, deren Aufstieg in der Sportwelt seinesgleichen sucht. In seinem eindringlich inszenierten Filmportrait erzählt Regisseur Reinaldo Marcus Green („Monsters and Men“) die Vorgeschichte des sportlichen Weltruhms, den Richard bereits geplant hat, als die Mädchen noch gar nicht geboren waren. In Hollywood werden solche realbasierten Nacherzählungen gemeinhin als Zeugnisse inspirierender Hingabe aufgezogen. Allerdings muss Green – und selbstredend Autor Zach Baylin („Creed III“) – zugutegehalten werden, dass die streitbaren Charakteristika jenes Richard Williams keineswegs ausgespart werden. Denn eine Wahl wird den Mädchen in seiner Planung nicht zugestanden.

Venus (Saniyya Sidney, „Hidden Figures“) und Serena (Demi Singleton, „Godfather of Harlem“) wachsen in Compton auf, einem Problembezirk von Los Angeles. Um seine – und die drei von Gattin Oracene (Aunjanue Ellis, „The Help“) aus vorheriger Ehe mitgebrachten – Töchter davor zu bewahren, in den destruktiven Sog aus Gangs und Drogen gezogen zu werden, setzt Richard auf Disziplin und Strenge. In den USA der frühen 1990er erscheint die Überwindung der durch Herkunft und Hautfarbe determinierten sozialen Kluft nahezu unmöglich. Für Richard ist es Ansporn und Pflichterfüllung zugleich. Entsprechend gehen ihm Bildung und Ausbildung der Kinder über alles.

„Unlike you, I don’t need the world to tell me I’m great.“ – Oracene

Das Talent der Teenagerinnen ist unübersehbar. Trotzdem scheitern Richards Bemühungen, Sponsoren und professionelle Trainer für die Förderung von Venus und Serena zu gewinnen. So übernehmen die Eltern, in der Hauptsache Richard, das Coaching nach der Schule auf einem öffentlichen Tennisplatz. Hier üben die Schwestern im Duett Aufschläge und Fußhaltungen. Sofern die schulischen Leistungen stimmen. Als Trainer ist Richard Autodidakt. Während er als Nachtwächter Dienst schiebt, wälzt er Tennismagazine. Alles für den Erfolg; den der Mädchen, aber zweifelsfrei auch den eigenen. Das Auskommen erteilt den Mühen recht: Venus und Serena Williams avancieren zu Superstars, mehr noch Ikonen sozialer Gleichheit. Doch der Weg dorthin, gerade in einem streng „weißen“ Sport, ist steinig.

Er führt über den Dreh von Camcorder-Werbevideos (die Authentizität wird durch Originalaufnahmen im Abspann unterfüttert), um Geldgeber (in einer Nebenrolle: Dylan McDermott, „In the Line of Fire“) und Förderer zu überzeugen. Der erste, der sich zur Kooperation bereit erklärt, ist Paul Cohen (Tony Goldwyn, „Scandal“). Allerdings coacht er lediglich Venus. Bei den quasi-verpflichtenden Nachwuchs-Turnieren sorgen die Schwestern dennoch beiderseits für Furore. Das führt zu einem Vertrag mit dem erfolgreichen Trainer Rick Macci (Jon Bernthal, „The Accountant“), der die Familie nach Florida schafft. Nur muss er bald feststellen, dass Richard seine ganz eigenen Vorstellungen davon hat, in welchem Tempo seine Töchter in den Profisport vorstoßen.

Die Herausforderung dieser Fusion aus Biopic und Sportfilm liegt im Spagat zwischen inspirierender Aufstiegsgeschichte und sozialer Reflexion. Gerade der zweitgenannte Aspekt hätte, nicht zuletzt aufgrund der Filmographie von Regisseur Green, jedoch stärker herausgearbeitet werden dürfen. Der alltägliche Rassismus, der den Williams‘ entgegenschlägt, bleibt in der Geschichte unterrepräsentiert. So bleibt es bei Fußnoten, auch allgemeiner Natur, etwa die Erwähnung der medialen Verbreitung des Rodney-King-Skandalvideos. So ruht der Fokus primär auf Richard, der hartnäckig (und mit unbestreitbarer Egomanie) Wege ebnet und diese nur eröffnet, wenn es ihm passend erscheint. Hauptakteur Smith überragt das spielstarke Ensemble dabei deutlich. Schade nur, dass bei seiner Oscar-Ehrung vorrangig an den Ohrfeigen-Eklat gedacht werden dürfte.  

Wertung: 7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

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