Black Summer (Season 1) (USA/CAN 2019)

Die Frage muss erlaubt sein: Braucht es eine weitere Zombie-Serie? Das Zugpferd bleibt trotz gesunkener Qualitätsmaßstäbe – und eingebüßten Zuschauerwohlwollens – „The Walking Dead“ (seit 2010). Als betont trashiger, darüber aber nicht weniger liebenswerter Gegenentwurf etablierte sich „Z Nation“ (2014 – 18). Und mit „Fear the Walking Dead“ (seit 2015), einem Ableger des Erstgenannten, ist der Übersättigung fast schon Genüge getan. Die Erwartungen an die Netflix-Produktion „Black Summer“ waren daher vom Fleck weg niedrig(er) gestapelt. 

Dass die Reihe im Universum von „Z Nation“ angesiedelt sein soll, nimmt auf die Zuschauerhaltung mehr Einfluss als notwendig. Denn die einzige Gemeinsamkeit, neben der Gefahr durch die Untoten, bleibt die Beteiligung der Serienschöpfer John Hyams (führte auch bei den meisten Folgen Regie) und Karl Schaefer sowie Skriptschreiber Craig Engler. Die Tonalität hingegen unterscheidet sich deutlich vom schundigen Vorreiter. Atmosphärisch dominiert über weite Strecken ein desperates Stimmungsbild. Gemessen an der Überwindbarkeit der hier rasenden, wie tollwütige Hunde agierenden Ghouls bleibt dieser Aspekt aber spürbaren Schwankungen unterworfen.

Dabei wäre gerade das ein markantes Alleinstellungsmerkmal: Zombies, von denen bereits in kleiner Zahl eine kaum zu bändigende Gefahr ausgeht. Stattdessen sind die tobenden Wiedergänger mal unbesiegbar, während an anderer Stelle ein simpler Schuss in den Leib genügt, um sie zu stoppen. Von diesem grundlegenden Malus abgesehen gelingt es den Machern aber zumindest punktuell, der acht Episoden umfassenden Auftaktstaffel ein eigenes Profil zu verleihen. Der Fundus bekannter (und hinreichend zitierter) Vorreiter wie „Dawn of the Dead“ oder „28 Days Later“ bleibt trotzdem offenkundig.

Der Auftakt steigt ein, als das Chaos die Oberhand gewinnt. Das Militär muss seine Machtlosigkeit erkennen. Gewalt regiert. Für den eigenen Vorteil wird geraubt und gemordet. Anders als bei „The Walking Dead“ (oder Genre-Koryphäe George A. Romero) ist der Mensch jedoch nicht das wahre Monster. In „Black Summer“ will jeder einfach nur überleben. Um jeden Preis. In einer Welt, in der sich die Toten bereits nach wenigen Momenten wieder erheben und den Lebenden, so schnell die Beine tragen, nachstellen, scheint das nicht einmal aus moralischer Perspektive komplett verwerflich.

Der episodische Erzählstil nimmt abwechselnd die Perspektive verschiedener Protagonisten ein: Als Hauptfigur dient Rose (Jaime King, „Hart of Dixie“), die während einer Evakuierungsaktion von ihrer Tochter getrennt wird und kurz darauf die Verwandlung ihres Mannes in ein blutrünstiges Monster erleben muss. Der vermeintliche Soldat Spears (Justin Chu Cary, „Blindspotting“) eilt ihr zu Hilfe. Mit weiteren Überlebenden, darunter der stänkernde Lance (Kelsey Flower, „The Takeaway“), begeben sie sich auf die Suche nach Zuflucht. Selbiges gilt auch für Koreanerin Sun (Christine Lee, „Colossal“), die im aufgebrachten William (Sal Velez Jr., „Mayans M.C.“) einen Gefährten findet.

Vereint werden alle Protagonisten durch ein gemeinsames Ziel: ein militärische Protektion verheißendes Stadion, in das auch Roses Tochter verbracht worden sein soll. Auf dem Weg dorthin werden die Figuren, bevor sie erzählerisch solide zusammengeführt werden, mit Wegelagerern, Plünderern und einem mörderischen Kinder-Kollektiv konfrontiert. Und natürlich Zombies. Emotionen erweisen sich als zunehmend trügerisch. Vorrangig strebt das Fressen oder gefressen werden ins Zentrum. Beinahe buchstäblich. Dabei profitiert das Format insbesondere vom weitgehend atemlosen Tempo der in Teilen lediglich halbstündigen Episoden.

Ein Schwachpunkt bleibt, dass im turbulenten Zuge der Ereignisse kaum Zeit bleibt, eine Bindung zwischen Charakteren und Zuschauer herzustellen. So schert das Schicksal der Überlebenden bestenfalls in überschaubarem Maße. Dazu pocht die Inszenierung mit der entweder unmittelbar vor oder hinter der jeweiligen Figur platzierten Kamera bisweilen arg offensiv auf Nervenkitzel. Trotz ungenutzter Chancen hält die Dynamik der Umsetzung solide bei der Stange – und eröffnet nach dem bleihaltigen Finale zumindest kurzzeitig Raum zum Innehalten. Als moderner Genre-Klassiker empfiehlt sich „Black Summer“ auf dieser Basis allerdings kaum.

Wertung: 6 out of 10 stars (6 / 10)

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