Azumi (J 2003)

azumi„There are many evil people in the world. Someone has to kill them.”

Die Lust des Westens an der Filmkunst des fernen Ostens wächst kontinuierlich. Was mit Akira Kurosawa bereits in den 50ern begann und zwei Jahrzehnte später mit Bruce Lee seinen vorläufigen Höhepunkt erklomm, etablierte sich dank Tsui Hark und John Woo in den 80er-Jahren endgültig. Die 90er bescherten radikalen Filmemachern wie Takeshi Kitano und Takashi Miike ihren internationalen Durchbruch, während Regisseure wie Wong Kar-Wai und Sabu zu Dauergästen europäischer Filmfestivals avancierten. Der Beginn des neuen Jahrtausends wiederum gebührt neuen Gesichtern. Solchen wie Chan-Wook Park oder Ryuhei Kitamura.

Letzterer erregte mit dem inhaltlich unzulänglichen, doch formal ausgereiften Trash-Epos „Versus“ grassierende Neugier über die Grenzen seines Heimatlandes Japan hinaus. In der Folge festigte Kitamura seinen Status als neue Lichtgestalt des fantastischen asiatischen Kinos mit der filigranen Visualisierung von Filmen wie „Sky High“, „Alive“ oder „Aragami“. Jedoch begünstigte keines seiner Werke derart interkontinentale Aufmerksamkeit wie die furiose Comicadaption „Azumi“.

Basierend auf dem gleichnamigen Manga des Zeichners Yu Koyama erzählt die poetische Swordsplay-Fantasie die Geschichte der jungen Waise Azumi (Aya Ueto, „High School Teacher“), die mit neun anderen elternlosen Kindern abseits der Zivilisation zur perfekten Schwertkämpferin ausgebildet wird. Nicht ohne Hintergedanken, versucht der herrschende Shogun doch durch präventive Auslöschung herrschsüchtiger Opponenten den Frieden im Lande fortwährend zu gewährleisten. Aus diesem Grunde sollen fünf der zehn ausgebildeten Attentäter die gefährliche Mission erfüllen, drei gefürchtete Kriegstribune zu eliminieren. Zuvor müssen die auserkorenen Jugendlichen jedoch einem letzten Test der Nervenstärke und Emotionslosigkeit unterzogen werden: In Paaren beisammen, sollen sich die Freunde gegenseitig bis zum Tode bekämpfen. Denn nur wer in der Lage ist, seinen besten Freund zu töten, ist auch geeignet, das Reich im Sinne des Shoguns zu verteidigen.

Alsbald machen sich die Überlebenden mit ihrem Meister an die Bewältigung des Auftrages. Doch fügen sich die potentiellen Opfer nicht kampflos in ihr Schicksal. So wird der sardonische Transsexuelle Bijomaru Mogami (Jô Odagiri, „Blood and Bones“) ausgesandt, um nun seinerseits im Sinne der intriganten Auftraggeber Tod und Verderben über die Leiber seiner Feinde, die Attentäter des Shoguns, zu bringen. Als sich Azumis Gewissen regt und sie sich gegen die Pläne ihres Meisters stellt, wird die junge Schwertkämpferin zurückgelassen. Doch liegt die Zeit des Kampfes damit längst nicht hinter ihr. Durch eine List bringen die Häscher der kriegstreiberischen Usurpatoren den Meister in ihre Gewalt und töten die meisten seiner Mitstreiter. Um ihr Schicksal zu erfüllen, stellt sich Azumi schließlich einer ganzen Armee entgegen. Und dem sehnsüchtig auf einen Zweikampf brennenden Bijomaru Mogami.

„Azumi“ ist ein popkulturelles Schwertkampf-Epos der Superlative, eine Art „Lady Snowblood“ für die „Sailor Moon“-Generation. Die anvisierte Künstlichkeit des famosen Bildersturms erweist sich als feinfühliger Tribut einer zeitgemäßen, Manga´esken Umsetzung. Geprägt von greller Farbgebung und wahnwitziger Kameraarbeit zelebriert Ryuhei Kitamura artifizierten Bombast in Reinform und verschließt sein meisterlich inszeniertes Fantasy-Märchen auch nicht vor trashigen Untertönen. Dass inhaltliche Substanz bei diesem virtuosen Wechselspiel aus anmutigen Passagen innerer Gelassenheit und ästhetisierten Totentänzen oftmals auf der Strecke bleibt, erscheint in Anbetracht der Vorlage kalkuliert. Nicht umsonst zielt „Azumi“ vornehmlich in Richtung von Animes wie „Ninja Scroll“, anstatt lakonische Martial-Arts-Dramen des Kalibers „Tiger and Dragon“ oder „Hero“ ins Auge zu fassen.

Reich an visuellen Höhepunkten und garniert mit einem wahrhaft bombastischen Schlussakt, bleiben die Charaktere lediglich grob umrissen. Im Strudel fortlaufender Gewalt kreisen die Figuren einzig um ihren martialischen Lebensinhalt. Die bezaubernde Ayo Ueto brilliert dabei als kindliche Assassine mit Gewissen, während ihr mit Jô Odagiri einer der inbrünstigsten Bösewichter seit langem beinahe die Schau stiehlt. Trotz kleinerer Mängel im Bereich der computeroptimierten Bildunterstützung und verhaltenen Längen im Handlungsaufbau zählt „Azumi“ zum besten und innovativsten, was das japanische Kino seit langem zu bieten hat. Zwar erweist sich die Fusion traditioneller Eastern-Plots mit inszenatorischen Stilmitteln der Moderne als lediglich marginale Neuerung, doch versteht sich Ryuhei Kitamura meisterlich auf die Transzendenz normierter Sehgewohnheit.

„Azumi“ ist ein gewaltvolles Panoptikum der Künstlichkeit, das sich beizeiten in blankem Zynismus entlädt. Ob es dem passagenweise recht blutigen Klingenkreuzen oder schlicht dem schleichenden Erzählrhythmus zu schulden bleibt, dass dem überragenden Film außerhalb Japans rund 18 Minuten extrahiert wurden, ist unklar. Fest steht jedoch, dass sich Regisseur Ryuhei Kitamura mit seiner fulminanten Swordsplay-Saga endgültig in die Riege der asiatischen Top-Regisseure katapultiert. Ob es in diesem Zusammenhang als böses Omen zu deuten ist, dass die Direktion der ersehnten Fortsetzung „Azumi 2 – Love or Death“ einem anderen Filmemacher zugesprochen wurde, bleibt indes spekulative Meinungsäußerung.

Wertung: (9 / 10)

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