Akira (J 1988)

akiraVor dem Hintergrund der aufziehenden Apokalypse rebellieren Teenager gegen ein repressives Staatsgefüge. In Japan ist das der Stoff aus dem die Träume sind. Zumindest die des Katsuhiro Otomo, dessen 1982 begonnene Manga-Reihe „Akira“ rasch zum Klassiker avancierte. Der Comic-Künstler selbst formte die 1990 abgeschlossene Saga sechs Jahre später zum Drehbuch um und schrieb mit der gestrafften, darüber jedoch nicht weniger komplexen Verfilmung neuerlich Geschichte. Otomo, der auch auf dem Regiestuhl Platz nahm, schärfte das Bewusstsein dafür, dass Zeichentrick-Kino abseits des Disney-Mainstreams auch abgründig, sozialkritisch und brutal sein kann.

In Hollywood hatte es derlei Versuche schon in den Siebzigern gegeben. Doch verfügten satirische Gesellschaftsreflexionen wie „Fritz the Cat“, dessen Regisseur Ralph Bakshi auch mit „Der Herr der Ringe“ oder „Feuer und Eis“ versuchte Trickfilmkunst für ein reiferes Publikum zu schaffen, nicht über die visuelle Brillanz und die erzählerische Tiefe der japanischen Anime. In der dortigen Unterhaltungsindustrie sind abgründige Dystopien fest verwurzelt, doch trat die finstere Comic-Kultur erst durch Otomos Zutun ihren Siegeszug in der westlichen Welt an. Vom klassischen Kinderfilm verabschiedete sich das animierte Kino damit nachhaltig.

Für den Film verlegte Otomo die Handlung von 2030 zurück ins Jahr 2019. In der eindrucksvoll zum Leben erweckten Metropole Neo-Tokio machen rivalisierende (und motorisierte) Jugend-Gangs nach dem Dritten Weltkrieg die Straßen unsicher. Die Freunde Kaneda und Tetsuo werden, als Tetsuo bei einer nächtlichen Verfolgungsjagd fast einen greis erscheinenden Jungen überfährt, in eine politische Intrige gewaltigen Ausmaßes verstrickt. Dabei geht es um den mysteriösen Akira, der in einer unterirdischen Forschungsstation kryogenisch eingefroren wurde, und dessen Rückkehr das Ende der Welt bedeuten soll.

Tetsuo wird vom Militär gefangen genommen und zeigt im Zuge bewusstseinserweiternder Experimente bald selbst Anzeichen übernatürlicher Fähigkeiten. Mit zunehmender geistiger Stärke wird aus dem einst schwächlichen Teenager eine unberechenbare Gefahr. Kaneda, der sich der revolutionären Bewegung um die hübsche Kei angeschlossen hat, versucht den Freund zu befreien. Doch Tetsuo ist nicht mehr der alte und verwüstet, als er seine Kräfte nicht mehr kontrollieren kann, die Stadt. Wie einst Akira wird er zum Boten der totalen Verwüstung. Doch jedes Ende, gleich wie infernalisch es auch ausfallen mag, ist zugleich ein neuer Anfang.

Obwohl Otomo viele Handlungsstränge lediglich anreißt, verdichtet sich die verwobene und im Kern philosophische Story zu einem faszinierenden Opus über Umsturz und Zerstörung. Die Gesellschaft ist gespalten, religiöse Glaubensgemeinschaften und aufrührerische Gruppen stehen dem rigiden Eingreifen der Staatsmacht gegenüber. Die faszinierenden Szenarien einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft erinnern an Kino-Klassiker der Science-Fiction. Trotz dosierter Action destilliert Otomo ständige Bewegung aus dem Stoff und kreiert – auch dank der eigenwilligen Kompositionen Shoji Yamashiros – einen unvergesslichen Bilderrausch, der in Blut, Trümmern und gleißendem Licht endet. Japanische Traumwelten sind eben mehr Nachtmahr als optimistischer Rückzugshort.

Wertung: (9 / 10)

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