Die Vierhändige (D 2017)

Niemals geht man so ganz. Das gilt für Menschen und – im besten Falle – auch für Filme. Das deutsche Kino hat zweifelsfrei seine verdienten Klassiker hervorgebracht. Zu viele zeitgenössische Produktionen offenbaren aber eine Mutlosigkeit, die nicht selten dem Förderprinzip der Bundesländer zugeschrieben wird. Glücklicherweise gibt es dem widersprechende Ausnahmen. Eine davon ist „Die Vierhändige“, mit der Autor und Regisseur Oliver Kienle („Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung“) Psycho-Drama und Mystery-Thriller eint. Das fesselnde Ergebnis wird nicht allein in sympathischer Kürze abgehandelt, sondern verfügt visuell auch über eine Raffinesse, die man vorrangig US-Filmemachern zuschreiben würde.

Der erste bleibende Eindruck gehört einem alten Herrenhaus in Siegburg. Das Gebäude steht auf einer Anhöhe, im scheinbaren Niemandsland neben einem schmucklosen Industrieareal. Die erhöhte Perspektive der Kamera lässt Erinnerungen an Norman Bates‘ Elternhaus in „Psycho“ aufkommen. Sicher nicht von ungefähr. In der obersten Etage werden zwei Schwestern Zeuge, wie ihre Eltern brutal ermordet werden. Um der jüngeren den grausamen Anblick zu ersparen, hält die ältere ihr im Versteck die Hände vors Gesicht. Die Schwere des Traumas wird so ungleich verteilt. In der Gegenwart, zwanzig Jahre später, bricht es sich Bahn. Denn vom Bestreben, die zur Konzertpianistin gereifte Sophie (Frida-Lovisa Hamann, „Die weiße Schlange“) vor allem Übel zu beschützen, ist Jessica (Friederike Becht, „Im Labyrinth des Schweigens“) mit schier manischer Entschlossenheit keinen Deut abgerückt.

Als die elterlichen Schlächter aus dem Gefängnis entlassen werden, eskaliert die Situation. Einen folgenreichen Unfall später liegt Sophie im Krankenbett und Jessica im Leichenhaus. Doch in der Folge verschwimmen Wahn und Wirklichkeit in bewährter „Jeckyll und Hyde“-Manier. Die Persönlichkeiten wechseln sich ab, am Tage Sophie, bei Nacht Jessica. Die daran geknüpften Erinnerungslücken machen Rekonstruktionen erforderlich, die ein nicht zwingend subtiles, aber doch durchweg effektives Konstrukt aus Schuldgefühlen und Rachegelüsten nähren. Die zögerliche Beziehung zum übertrieben geduldigen Arzt Martin (Christoph Letkowski, „Mängelexemplar“) gerät über die düster-existenzialistische Identitätssuche ebenso ins Wanken wie die Aufnahme ins Konservatorium.

Das große Plus des Films sind die unverbrauchten Darsteller/innen. Ohne Stars und ohne große Namen gelingt es Kienle, die rudimentären Charakterzeichnungen eindrücklich zu kaschieren und genug Spannung zu erzeugen, um der abgründigen, intensiv gespielten Geschichte bis zum (erwartbaren) Finale zu folgen. Dass manche der metaphorischen Bildkompositionen in ihrer Dramaturgie aus Licht und Schatten dem Horror-Baukasten zu entspringen scheinen, ändert nichts an der individuellen Klasse des angenehm schnörkellosen, mitunter überraschend ruppigen Gesamtwerks. Dabei mag es für „Die Vierhändige“ zwar nicht zum Klassiker reichen, eine willkommene Abwechslung zum deutschen Unterhaltungseinerlei bietet der sehenswerte Genre-Mix aber ohne jeden Zweifel.

Wertung: 7.5 Stars (7,5 / 10)

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