Run All Night (USA 2015)

run-all-night„I’m comin’ after your boy with everything I got.“ – Shawn Maguire

Charakterdarsteller Liam Neeson ein Actionstar? Zugetraut hätten es ihm wohl die wenigsten. Immerhin war er Oskar Schindler und Michael Collins. Der seit „Taken“ (2008) anhaltende Erfolg ist wohl vor allem dem Umstand geschuldet, dass der gebürtige Ire nicht dem Archetyp des unkaputtbaren Übermenschen entspricht. Er weckt eher Erinnerungen an die ruppigen Siebziger und Haudegen des Kalibers Charles Bronson. Diese klassische Schiene bedient er auch in Jaume Collet-Serras (drehte mit Neeson auch „Unknown Identity“ und „Non-Stop“) Gangster-Drama „Run All Night“, das ihn als alternden Mafiakiller selbst auf die Abschussliste bringt.

Sein Jimmy Conlon wirkt abgehalftert und ausgebrannt. Über Jahrzehnte hielt er dem New Yorker Lokalpaten Shawn Maguire (in Wiederholung seiner Rolle aus „Im Vorhof der Hölle“: Ed Harris) den Rücken frei und ermordete, wer immer diesen gefährdete. Die Polizei gab ihm den Spitznamen „Der Totengräber“, konnte jedoch keine seiner Verfehlungen nachweisen. In der Gegenwart wird Jimmy als Rudiment vergangener Tage milde belächelt. Nur Shawn hält zu ihm. Dessen Sohn Danny (Boyd Holbrook, „Gone Girl“) giert nach Macht und Einfluss. Daher bandelt er mit albanischen Drogendealern an, die er, nachdem der Vater seine Pläne jäh durchkreuzt, kaltblütig erschießt.

Zeuge wird ausgerechnet Jimmys von ihm entfremdeter Sohn Mike (Neuzeit-„RoboCop“ Joel Kinnaman), der sich und die Familie als Chauffeur über Wasser hält. Jimmy interveniert, doch trotz strikter Anweisung seines Vaters will Danny auch Michael aus dem Weg räumen. Als Jimmy diesen erschießt und Shawn von der Tat berichtet, ist sein Leben (endgültig) verwirkt. Von korrupten Cops und den Schergen der Maguires verfolgt, beginnt eine atemlose Flucht, bei der Jimmy nur ein Ziel kennt: Miki vor dem sicheren Tod zu bewahren. Einen Ausweg verheißt der aufrechte Polizist Harding (Vincent D’Onofrio, „Daredevil“), der im Gegenzug ein umfassendes Geständnis von Jimmy verlangt.

Nach überzeugendem Auftakt, in dem Collet-Serra das verbrecherische Milieu in traditioneller Färbung ohne Halbwelt-Glorie nachzeichnet, hält mit der Flucht in die Nacht die Action Einzug. Die ist packend und mit einigen Härten gestaltet, wirkt insgesamt aber sattsam bekannt. Auf der Stelle tritt der Plot mit der Zwischenstation Plattenbau, bei der unsinnigerweise ein Feuer ausbricht und der von Shawn geschickte Killer Price (Rapper Common, „Selma“) lauert. Auf der Zielgeraden, mit Jimmys erbarmungsloser Vorwärtsverteidigung, einem Gastspiel von Altstar Nick Nolte („Warrior“) und dem stimmigen, wenn auch dramaturgisch absehbaren Finale, findet der Film jedoch wieder in die Spur. So bleibt ein gut besetzter, aus bewährten Versatzstücken zusammengebastelter Action-Thriller. Nicht neu, aber effektiv.

Wertung: (6 / 10)

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