Pans Labyrinth (MEX/E/USA 2006)

pans-labyrinthCapitán Vidal (Sergi López, „Dirty Pretty Things“) ist ein Mann, stellvertretend für die Unbarmherzigkeit eines faschistischen Regimes. Einem vermeintlichen Freischärler, der sich vehement als Jäger zu erkennen gibt, schlägt er mit dem Boden einer Flasche den Schädel ein. Die Kamera hält drauf. Wie bei „Irreversible“ und dem Feuerlöscher. Das Nasenbein wird eingedrückt, Blut schießt aus dem verzerrten Gesicht. Die Schläge gehen weiter, bis die Konturen des Antlitzes einer breiigen Masse weichen. Am Boden seiner Tasche findet der Offizier darauf ein geschossenes Kaninchen.

Die brutalste Szene von „Pans Labyrinth“ ist zugleich die entlarvendste. Eine Diktatur, Unwillens im Kampf um die vollendete Unterjochung des Volkes Gnade walten zu lassen. Eines der Exekutivorgane ist Vidal. Seine Sprache ist die Gewalt. Ihr gegenüber steht die Fantasie eines Mädchens. Aus ihrer Sicht wird der Film erzählt. Guillermo del Toro hat sich den Schrecken des Krieges angenommen. Schon wieder. Bereits in „The Devil’s Backbone“ verlegte er Übersinnliches in die Zeit des spanischen Bürgerkriegs. Was seinerzeit aber nicht vollends funktionierte, wirkt nun perfektioniert.

Über den Weg der Fantasie, so wie es seine Art ist, beschreibt del Toro eine Zeit des (realen) Schreckens. Den Anspruch mindert das nicht. Sein neuestes Werk liegt zwar in der visuellen Verspieltheit auf einer Linie mit früheren Filmen, solchen wie „Blade II“ oder „Hellboy“. Doch ist das im Kern nüchterne Melodram kaum auf den puren Unterhaltungswert, jene inhaltlich anspruchslose Form der bewegten Bilder ausgelegt. Das Resultat, sechsfach Oscar-nominiert, ist die bislang beeindruckendste Schöpfung des Regisseurs.

1944 liegt der Bürgerkrieg in den letzten Zügen. Das Regime weitet die Oberhand aus. Während dieser schweren Zeit zieht Ofelia (Ivana Baquero, „Romasanta“) mit ihrer hochschwangeren Mutter (Ariadna Gil, „Der Kuss des Bären“) in die Provinz. Nach dem Tod des Vaters heiratete sie Vidal. Mitten im Wald hat der gestrenge Kommandant eine Zentrale eingerichtet, von der aus die ihm unterstellten Regierungstruppen Widerstand leistende Partisanen ausmerzen sollen. Mit aller Härte. Die Frau an seiner Seite steht unter Obacht. Schließlich soll sie seinen Stammhalter zur Welt bringen.

Der Grausamkeit der Wirklichkeit trotzt Ofelia mit Märchenbüchern. Kaum im neuen Heim angekommen, scheint eines davon wahr zu werden: Eine Elfe führt sie in der Dunkelheit der Nacht in die nahe gelegene Ruine eines labyrinthartigen Bauwerks. Dort wird sie bereits von einem Faun erwartet, einem gehörnten Naturwesen von launenhafter Unberechenbarkeit. Das Mädchen soll die Prinzessin eines magischen Königreiches sein, gebunden an die Gestalt eines Menschen. Mehrere Prüfungen hat sie zu bestehen, ehe sie an die Seite ihres Vaters, dem König, zurückkehren kann.

Das Märchenhafte ist ein wesentlicher Teil der Geschichte, jedoch mitnichten ihr Mittelpunkt. Ob die Erlebnisse Ofelias nun Wahrheit oder Einbildung als Flucht vor der Trübnis der Realität sind, überlässt del Toro dem Zuschauer. Hinweise in beide Richtungen gibt es genug. Allerdings ist „Pans Labyrinth“ nicht das oft gepriesene Märchen für Erwachsene, der Film ist eine Ode auf die Kraft der Fantasie. Und nebenbei die nüchterne Durchleuchtung faschistischer Strukturen. Für diese steht Vidal, brillant gespielt von Sergi López, der mit dem Heldentod des Vaters hadert und dem selbst auferlegten Druck mit Folter ein Ventil bietet.

Mit Sorgfalt arbeitet sich der Filmemacher durch die relevanten Stationen der Geschichte. Die despotische Staatsmacht, das Märchen, der Widerstand. Die Spezialeffekte sind gewohnt düster und dennoch zauberhaft. Das mehrt den Kontrast zur brutalen Alltäglichkeit des Krieges. Hier spart del Toro nicht mit Blut, wobei die Beiläufigkeit gewahrt bleibt. „Pans Labyrinth“ verfügt nicht über die oft selbstzweckhafte Ausstellung von Gewalt und Gefühl und verrennt sich nicht in die verklärte Sehnsucht nach dem Guten im Menschen. Der Film zeigt die Gräuel und wie der kindliche Verstand ihnen begegnet. Genau das macht ihn so besonders.

Wertung: 9 out of 10 stars (9 / 10)

Ähnliche Beiträge

  • Valentinstag (USA 2010)

    Wenn Garry Marshall einen neuen Film dreht und diesen dann auch noch „Valentinstag“ nennt, dann kann man sich mehr als gut vorstellen worum es geht. Bei Filmen wie „Pretty Woman“, „Die Braut die sich nicht traut“ oder „Plötzlich Prinzessin“ ist das kein Wunder. In erster Linie handelt es sich also um einen sog. „Frauenfilm“. Die…

  • Miami Vice (USA/D/PY/UY 2006)

    Michael Mann ist der König des Kriminalfilms. Mit „Collateral“ festigte der „Heat“-Regisseur seinen Stand als Thriller-Spezialist und experimentierte obendrein mit den Möglichkeiten digitaler Aufzeichnungsmedien. In „Miami Vice“, der filmischen Aufbereitung des stilbildenden 80er-Jahre Fernsehklassikers, führt er sie zur Perfektion. Seine Neuauflage hat mit der seinerzeit von ihm geprägten TV-Reihe nur Marginalien gemein. Pinke Flamingos, Pastellfarben…

  • Love Vegas (USA 2008)

    Las Vegas ist Mythos und Legende gleichermaßen. Unzählige Geschichten ranken sich um die Wüstenstadt, kein Wunder also, dass Hollywood dies seit jeher dankend aufnimmt. Die Komödie „Love Vegas“ nimmt dabei den Weg des geringsten Widerstandes, indem man einfach eine Fast-Food-Heirat als Grundpfeiler für einen mitunter amüsanten, aber auch leidenschaftslosen und vorhersehbaren Film nimmt. Vom Mythos…

  • Micropolis (F/CAN 2006)

    Es ist ein Krieg der Völker, geführt mit unerbittlicher Härte, zum Zweck des Überlebens der eigenen Kultur. Räuberische fleischfressende Ameisen, die Magnan, erstürmen die Festung eines Termitenstaates, der die dringend erforderliche Nahrungsversorgung des nomadischen Insektenstammes verheißt. Mit „Micropolis“ taucht der französische Regie-Debütant Philippe Calderon in die winzigen Zivilisationen der westafrikanischen Savanne ein, in Burkina Faso,…

  • Die Meute (USA 1977)

    Die Hunde sind los. In der Verfilmung von David Fishers Roman „The Pack“ terrorisiert ein verwildertes Rudel ein abgeschottetes Eiland. So viel zu den Gemeinsamkeiten von Vorlage und Adaption. Denn was Robert Clouse in Personalunion aus Drehbuchautor und Regisseur aus dem Stoff macht, ist partiell packendes Genrekino mit zum Teil lachhaft überzeichneten Nebenfiguren. Clouse, der…

  • Neukölln Unlimited (D 2010)

    Im bundesdeutschen Bewusstsein ist Berlin Neukölln der Inbegriff der Chancenlosigkeit. Hier steht die Rütli-Schule, hier wohnen die kriminellen Ausländer. So weit zum Klischee. Agostino Imondi und Dietmar Ratsch stellen solchen Vorurteilen ihren Dokumentarfilm „Neukölln Unlimited“ entgegen. In dem widmen sich die Filmemacher der libanesisch-stämmigen Familie Akkouch, die zwischen Angst vor der Abschiebung und der kreativen…