Narcos (Season 2) (USA/CO 2016)

In einem Interview wird Pablo Escobar gefragt, wie seine Geschichte wohl enden wird. Der gefürchtete Drogen-Baron antwortet, dass er hoffe, auf seinen Füßen zu sterben – irgendwann im vierten Jahrtausend. Wie die Geschichte und damit das Leben des legendären Kartellchefs in Wahrheit endet, ist hinreichend bekannt. Selbst der produzierende Streaming-Anbieter Netflix bewarb die zweite Staffel von „Narcos“ in den sozialen Netzwerken mit dem Slogan „Pablo Escobar Dies“. Dahinter jedoch verbirgt sich das Dilemma der Macher um die Serienschöpfer Chris Brancato, Carlo Bernard und Doug Miro sowie Produzent José Padilha („Tropa de Elite“). Denn ihre auf Tatsachen basierende Reihe wurde von Kritikern und Publikum dermaßen gefeiert, dass zwangsläufig diskutiert wurde, ob und wie das Erfolgsrezept längerfristig fortgeführt werden könnte.

Doch ein Blick auf die Fakten brachte schnell Ernüchterung: Pablo Escobar starb am 2. Dezember 1993 im Kugelhagel der Staatsmacht. Punkt. Und weil sich der Verlauf nach seiner Flucht aus dem Gefängnis La Catedral nicht unendlich strecken lässt, trafen die Verantwortlichen die einzig richtige Entscheidung und lassen die in semi-dokumentarischem Stil (und weitgehend in untertiteltem Spanisch) erzählte Crime-Biografie mit Staffel zwei zu einem würdigen Abschluss kommen. Das bedeutet allerdings nicht das Aus von „Narcos“. Denn der Krieg gegen Drogen, Dealer und die Verzahnung von Verbrechen und Politik wird fortgesetzt. Im Mittelpunkt stehen dann allerdings die ebenfalls realen Brüder Gilberto (Damián Alcázar) und Miguel Rodriguez Orejuala (Francisco Denis), die, anders als Escobar, eine klare Trennlinie zwischen Kriminalität und öffentlicher Erscheinung zogen.

Bei ihrer Einführung bilden sie eine Front gegen Escobar, dessen ruchlose Methoden nicht allein ihn ins Visier von kolumbianischer Staatsmacht und US-amerikanischem Geheimdienst bringen, sondern auch die nach außen ehrbaren Anführer des Cali Kartells. Im Mittelpunkt der Geschichte steht aber wieder der vom neuerlich groß aufspielenden Wagner Moura verkörperte Escobar. Dessen Flucht folgt das Untertauchen. Nur will er sich nicht vor Präsident Gaviria (Raul Mendez) und erst recht nicht seinen Feinden verstecken. An deren Spitze steht die mit dem Cali Kartell paktierende Judy Moncada (Cristina Umana), Witwe eines von ihm kaltblütig ermordeten Verbündeten. Ebenfalls auf Escobars Spur befinden sich die US-Drogenfahnder Murphy (Boyd Holbrook) und Peña (Pedro Pascal), die versuchen den Staatsfeind und mit ihm die über Nordamerika hereingebrochene Kokainflut zu stoppen.

Dass das Eingreifen der US-Amerikaner rigidere Züge trägt, verdeutlicht die Berufung Arthur Crosbys (Brett Cullen, „Lost“) zum neuen Botschafter in Kolumbien. Der ist ein politischer Hardliner mit Erfahrung in der Terrorbekämpfung – und einem Vertrauten (Eric Lange, „The Bridge: America“) mit CIA-Vergangenheit. Die Perspektive gibt jedoch wieder Murphy vor, der aus dem Off erläuternde Kommentare beisteuert und auf Geheiß einer neuen Vorgesetzten aktiv in die Ermittlungen eingreift. Dass der Auftrag, Escobar zur Strecke zu bringen, jedoch an die Substanz geht, wird aus der Heimreise seiner verängstigten Frau Connie (Joanna Christie) deutlich, die ihn kurzzeitig den Halt verlieren lässt. So werden in „Narcos“ einmal mehr zahlreiche Schicksale auf beiden Seiten des Gesetzes zu einem komplexen und durchweg fesselnden Panoptikum verbrecherischer Schreckensherrschaft und politischer Ohnmacht verwoben.

Trotz einer Vielzahl an Figuren und ausschweifender Erläuterungseinschübe wirkt die neuerlich von Originalaufnahmen gestützte Erzählung insgesamt linearer, was auch der wesentlich kürzeren Handlungsspanne geschuldet bleibt. Dabei klammert sich die Reihe aus Gründen dramaturgischer Gewichtung nicht durchweg an die Realität und erinnert – auch durch den Zuwachs an klassischen Spannungsmomenten – bisweilen an den narrativen Stil Martin Scorseses („GoodFellas“). Dass die Luft für Escobar und seine von Unterschlupf zu Unterschlupf geschleppte Familie (stark: Paulina Gaitan als seine Ehefrau Tata) zusehends dünner wird, macht den Kartellboss nur mehr gefährlicher. Sein Netz von Helfern und Helfershelfern ist so undurchdringlich, dass er der Polizei immer einen Schritt voraus ist. Als er den Fahndern fast ins Netz geht, lässt er im Gegenzug gezielt Polizisten ermorden.

Präsident Gaviria hat keine andere Wahl, als erneut auf die Dienste von Colonel Carrillo (Maurice Compte) zu setzen. Dessen Methoden sind unmenschlich, die Erfolge jedoch nicht von der Hand zu weisen. Tatsächlich gelingt es ihm, Escobar in Furcht zu versetzen. Mit dem Rücken zur Wand schreckt der jedoch vor keiner Gräueltat mehr zurück. Das trifft auch die Strippenzieher des Cali Kartells, die ihrerseits mit den nationalistischen paramilitärischen Freischärlern Carlos (Mauricio Mejía) und Fidel Castaño (Gustavo Angarita Jr.) paktieren und den Krieg in Escobars Hochburg Medellín bringen. Informationen über dessen Getreue liefert ausgerechnet Peña, der wie so viele seine Integrität opfert, um die Ära Escobar zu beenden. Die Ambivalenz, nicht allein der faszinierenden Hauptfigur, wird dabei wieder famos vor Augen geführt. „Narcos“ ist ungeachtet der dezent konventionelleren Inszenierung auch im zweiten Anlauf großes Kino für die Mattscheibe. Fraglich bleibt dabei lediglich, wie schwer der Verlust Wagner Mouras in den geplanten Folgestaffeln wiegen wird.

Wertung: (8,5 / 10)

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