Narcos (Season 1) (USA/CO 2015)

narcos-season-1Die schönsten Geschichten schreibt immer noch das Leben. Die krassesten allerdings auch. Der Lebensweg des Pablo Escobar steckt voller horribler Anekdoten. Der 1949 geborene Kolumbianer gilt als einer der gefürchtetsten und brutalsten Drogendealer der Geschichte. Als Kokain Mitte der Neunzehnsiebziger zur Modedroge wurde, errichtete er ein kriminelles Wirtschaftsimperium, dessen Organisation und Effektivität in jener Ära beispiellos waren. Mit „Narcos“ setzen Chris Brancato („First Wave“), Carlo Bernard und Doug Miro („Prince of Persia“) dem charismatischen Unmenschen ein packendes und nie beschönigendes Monument.

Dafür steht auch die Beteiligung von José Padilha als Produzent und Regisseur. Denn erzählerisch trägt die von Netflix auf den Weg gebrachte Reihe die Handschrift seines 2008 mit dem Goldenen Bären prämierten Film „Elite Squad – Tropa de Elite“. In der Rolle des Pablo Escobar glänzt der Golden Globe-nominierte Wagner Moura, der mit Padilha sowohl bei „Elite Squad“ als auch dessen Fortsetzung zusammengearbeitet hatte. Er verkörpert den unbarmherzigen Machtmenschen zwischen Faszination und Abscheu. Für den gefeierten Serien-Hit ist das bereits die halbe Miete. Doch begeistern neben Moura auch das treffliche Zeitkolorit, die teils verschachtelte Narrative und nicht zuletzt die durchweg sehenswerten Darsteller.

Um die weitgehend in Spanisch und unter anderem vom Oscar-prämierten Kameramann Guillermo Navarro („Pan’s Labyrinth“) inszenierte Reihe für ein US-amerikanisches Publikum zugänglicher zu machen, erfolgt die Betrachtung – hier liegt ein marginaler Schwachpunkt – aus der Perspektive des DEA-Agenten Steve Murphy (Boyd Holbrook, „Hatfields & McCoys“). Der wird nach Kolumbien beordert, um den zunehmenden Kokainfluss in die Vereinigten Staaten mit Hilfe seines Kollegen Javier Peña (Pedro Pascal, „Game of Thrones“) zu unterbinden. Davor jedoch steht die Skizzierung von Escobars Aufstieg vom kleinen Schmuggler zum großen Dealer. Dafür paktiert er mit einem Chilenischen Chemiker und errichtet im Dschungel immer größere Drogenlabore.

Der kometenhafte Aufstieg bleibt auch seinen Konkurrenten nicht verborgen. Also lässt Escobar sie am expandierenden Geschäft teilhaben und gründet mit den Brüdern Jorge (André Mattos) und Fabio Ochoa (Roberto Urbina) sowie Gonzalo Rodríguez Gach (Luis Guzman, „The Last Stand“) das Medellín-Kartell. Daneben verfolgt er politische Ambitionen und strebt nicht weniger als das Amt des Staatspräsidenten an. Seine Verbindungen zum organisierten Verbrechen torpedieren die Pläne jedoch. Als ein Auslieferungsbeschluss erlassen wird, nach dem Kolumbiens Drogenbaronen in den USA der Prozess gemacht werden kann, überzieht Escobar das Land mit Terror und Gewalt. Die gezielte Ermordung hochrangiger Politiker ist dabei lediglich eine Ausprägung des aufziehenden Krieges.

Einige der Geschichten aus der Vita des Pablo Escobar, der zu einem der reichsten und mächtigsten Männer seiner Zeit avanciert, scheinen derart übertrieben, dass man das Zutun windiger Hollywood-Autoren vermuten müsste. Ein Beispiel ist der Angriff einer angeheuerten Rebellengruppe auf den obersten Gerichtshof, in dessen Räumlichkeiten beschlagnahmte Beweise gegen Escobar gelagert werden. Die Skrupellosigkeit des Gangsters unterstreicht vor allem das Attentat auf ein Passagierflugzeug, in dem Präsidentschaftskandidat César Gaviria (Raúl Méndez) vermutet wird – und das 107 Menschenleben fordert. Um die Authentizität von Narcos hervorzuheben, flechten die Macher immer wieder Originalaufnahmen ein. Sie erinnern den Zuschauer daran, dass sich die Serie auf wahre Ereignisse beruft.

Die Fülle an Figuren und in Teilen episodisch verknüpften Begebenheiten verlangen dem Betrachter erhöhte Konzentration ab. Das ändert sich auch nicht, als der verlustreiche Konflikt zwischen Kartell und Regierung Escobar zunehmend isoliert dastehen lässt. Um sich vor seinen Feinden in Sicherheit zu bringen, willigt er ein, eine Haftstrafe in einem von ihm errichteten (!) und seinem Gefolge bewachten (!!) Gefängnis zu verbüßen. Die Fortsetzung seiner bewährten Geschäftsmethoden sorgt aber bald dafür, dass die Staatsmacht zum entscheidenden Schlag gegen ihn ausholt. Besiegelt wird Pablo Escobars Schicksal allerdings erst in Staffel zwei. Und der darf angesichts dieses hochkarätigen Serienauftakts mit beträchtlicher Spannung entgegengeblickt werden.

Wertung: (9 / 10)

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