Memento (USA 2000)

mementoEine Hand hält ein Foto. Auf dem ist die auf dem Bauch liegende Leiche eines Mannes mit Kopfschuss zu sehen. Die Hand schüttelt das Polaroidbild einige Male, auf dem rasch eine leichte Aufhellung zu erkennen ist. Je öfter sich dieser Vorgang wiederholt, desto blasser wird das Lichtbild, bis es schließlich von der Hand zurück in den Auswurfschlitz der Kamera gesteckt wird. Ein heller Lichtblitz im Raum kehrt zurück in den Apparat, der Finger hebt sich vom Auslöser. In der anderen Hand hält er eine Pistole. Eine leere Patronenhülse rollt über den Holzfußboden, vollführt einige kurze Sprünge und fliegt zurück in die Waffe. Der Mann am Boden rührt sich, verspritztes Blut und Hirn werden wieder eins mit dem zerschmetterten Schädel. Das Projektil saust aus dem Hinterkopf des Toten und verschwindet samt Mündungsfeuer im Lauf der Pistole.

Keine Frage, der Auftakt zu Christopher Nolans („Following”) zweiter Regiearbeit zieht den Zuschauer augenblicklich in seinen Bann. Dass er diesen später mit mehr aufgeworfenen Fragen als gegebenen Antworten wieder entlässt, spielt dabei zunächst eine untergeordnerte Rolle. Denn für den Betrachter gilt dasselbe wie für Leonard (Guy Pearce, „L.A. Confidential”): Die Wahrheit ist lediglich Illusion. Leonards Kurzzeitgedächtnis ist nicht intakt, so dass er sich rasch an nichts und niemanden mehr erinnern kann. Zwar ist er in der Lage, sich detailliert an sämtliche Begebenheiten vor der fatalen Kopfverletzung zu erinnern, die sein Leben erschwert, doch erscheint diese Beeinträchtigung auf der Jagd nach dem Mörder seiner Frau mehr als zusätzliches Hindernis.

Um dem Vergessen entgegenzuwirken, schießt Leonard Fotos. Von dem Motel, in dem er wohnt, von Dingen, die er getan hat und Menschen, die er traf. Die Bilder versieht er mit allerlei Anmerkungen. Nebenbei dient sein Körper als Notizbuch für die wichtigsten ans Tageslicht gezerrten Fakten und Erkenntnisse, die er in Form von Tätowierungen auf der Haut trägt. Leonards einziges Ziel heißt Rache. Doch ist der Mann, den er in der rückwärtslaufenden Anfangssequenz hinrichtet wirklich der Mörder seiner Frau? Nolan ist mit „Memento” ein kopflastiger Film mit deutlichen Noir-Anlehnungen gelungen, den man getrost als innovativsten Thriller der letzten Jahre bezeichnen kann. Die ungewöhnliche, puzzlehafte Erzählstruktur der vom Ende Richtung Anfang aufgerollten Mörderhatz sorgt dabei für subtile Spannung und reichlich Verwirrung.

Viele der im Verlauf des Films als sicher geltenden Fakten werden nach und nach in Frage gestellt. Meisterlich versteht es der britische Regisseur, Hinweise zu streuen und Fährten zu legen, die man als Zuschauer bei einmaligem Anschauen des Thrillers kaum in Einklang zu bringen vermag. Paradoxerweise beruht das gesamte Spannungspotential auf der Konstellation der Figuren zueinander, nicht auf der Frage, wer denn nun letztendlich der gesuchte Mörder ist. Auf reges Erstaunen sollte gegen Ende, bzw. Anfang dennoch vorbereitet sein. Zwischen Schein und Sein brilliert Guy Pearce, der den mit Gedächtnislücken geplagten Rächer Leonard mit großer Tiefe und Glaubwürdigkeit verkörpert. Überhaupt wirkt das Zusammenspiel der hervorragenden Darsteller und der resümierte Kontext nie konstruiert oder schematisch.

Ex-Model Carrie-Anne Moss („Matrix”) tritt dabei den endgültigen Beweis an, dass sie als seriöse Schauspielerin taugt. Aber auch Joe Pantoliano („Bound – Gefesselt”) überzeugt als undurchsichtiger „Kumpel” Leonards. Daneben agieren u.a. Stephen Tobolowsky („The Insider) und Mark Boone Junior („The Game”). So ist Memento ein wahrer Geniestreich, faszinierend, undurchsichtig und vielschichtig. Die hervorragende Regie, die überzeugende Kameraführung und die exzellenten Darsteller sorgen für ein Filmerlebnis, das man so schnell nicht vergessen wird. In Amerika avancierte die Independent-Produktion mit einem Einspielergebnis von mehr als 23 Millionen Dollar zum Überraschungshit. Zum Klassiker wird es für das sperrige Juwel aus dem Sprung reichen. Nur sollte man es man nicht bei einmaliger Rezeption belassen.

Wertung: 8.5 out of 10 stars (8,5 / 10)

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