Martin (USA 1977)

martin-romeroDer 1940 in New York geborene George Andrew Romero hat das Genre des Horrorfilmes geprägt wie kaum ein zweiter seines Fachs. Sein für schlappe 150.000 Dollar unabhängig produziertes Kinodebüt „Night of the Living Dead” (1968) gilt nicht nur als moderner Wegbereiter des Genres, sondern wurde wie auch die beiden Fortsetzungen („Dawn of the Dead” und „Day of the Dead”) ins Refugium des New Yorker Museum Of Modern Art aufgenommen. 1977, im Vorfeld der Produktion zu jenem „Dawn of the Dead” kreierte Romero mit minimalistischen Budgetrahmen das eigenwillige Kleinod „Martin”. Mit diesem verlieh der aufgrund seiner recht drastischen Darstellung von Gewalt umstrittene Independent-Filmer dem angestaubten Thema des Vampirismus völlig neue Züge.

In einem Personenzug Richtung Pittsburgh betäubt der 18-jährige Martin (John Amplas, „Day of the Dead”) eine junge Frau, um sich im Anschluß an ihr zu vergehen. Mit einer Rasierklinge durchtrennt er ihre Pulsadern und trinkt ihr Blut. Martin ist ein Vampir, jedoch kein Blutsauger im klassischem Sinne, gehüllt in einen wallenden schwarzen Umhang und ausgestattet mit mächtigen Fangzähnen, sondern schlicht ein neurotischer Junge mit dem krankhaften Gelüst nach menschlichem Lebenssaft. Am Zielbahnhof wird Martin von seinem weit über die sechzig hinaus gealterten Vetter Cuda (Lincoln Maazel) erwartet, der ihn in steter Folge mit Nosferatu betitelt und alles daran setzt, den im Grunde unerwünschten Gast auf Distanz zu halten. Cuda quartiert den verschwiegenen jungen Mann in seinem Hause ein, umgeben von Kruzifixen und Knoblauchzöpfen. Selbst der herzhafte Biss in die augenscheinlich schädliche Knolle und die innige Berührung eines der Kreuze im Domizil des gläubigen Cuda leisten wenig Überzeugungsarbeit bezüglich der Furcht des alten Mannes vor der angeblichen Magie des Anverwandten.

Diese tiefe Verwurzelung in Aberglaube und Mythos bringt auch seine Enkelin Christine (Romeors spätere Ehefrau Christine Forrest, „Der Affe im Menschen”) gegen Cuda auf, die ihrem Großvater und der Tristesse des kleinen Städtchens zugunsten ihres Freundes Arthur (Effekt-Ikone Tom Savini, „Dawn of the Dead”) den Rücken kehrt. Als der Durst schier unerträglich wird, sucht sich Martin neue Opfer. In einer Radiosendung klagt er seine Seelenpein, doch ernst genommen wird er auch dort nicht. Erste sexuelle Erfahrungen und „nacktes Beieinanderliegen ohne Blut” beschert ihm eine unglücklich verheiratete Hausfrau (Elayne Nadeau), die sich letztlich selbst das Leben nimmt, ohne dass Martin für diesen Schritt verantwortlich wäre. Cuda schenkt dem selbst beigebrachten Ableben der Frau indes keinerlei Glauben, hatte er doch dem vermeintlichen Dämon in seinem Hause strikt verboten, seine Opfer der Gemeinde zu entreißen. So findet Martins Leben als letzte Konsequenz durch einen Pflock in Cudas Hand ein jähes Ende.

Romeros „Martin” ist eine vielschichtige und hintergründige Charakterstudie, die im Schaffen des Altmeisters aber im Schatten weitaus bekannterer Werke verborgen bleibt. Dabei verleiht der Regisseur dem stereotypen Genre des Vampirfilmes neue Facetten und legt gleichzeitig den Grundstein für spätere Werke ähnlich klischeefernen Inhaltes. Solche wie Guillermo Del Toros „Cronos”, Abel Ferraras „The Addiction” oder Po-Chih Leongs „Die Weisheit der Krokodile”. Romero steigert den Reiz seines Filmes allein durch die im Unklaren schwebenden Hintergründe von Martins seltsamer Krankheit, deren Ursprünge Cuda schlicht auf einen Familienfluch begrenzt. Aus diesem geistigen Konflikt zwischen einseitig folkloristischer Sicht und der Verdrängung des in sich gekehrten Menschen hinter der Fassade des Nosferatu gewinnt Romero Tiefgang. Der Zuschauer muß der Grausamkeit von Martins Taten zum Trotze Mitleid für den sonderbaren Jungen empfinden und den erzkonservativen Cuda in die Rolle des Monsters hineintransferieren.

Auf diese Weise spielt der Regisseur mit Erwartungen und Emotionen des Betrachters und versteht es perfekt, die unbequeme Atmosphäre bis zum Schluß aufrecht zu erhalten. Um dies zu unterstreichen fügt Romero bei Martins blutigem Tagewerk in schwarz/weiß gehaltene Handlungsfragmente im Stile von Friedrich W. Murnaus „Nosferatu” ein, die Handlungen und Reaktionen des Blutsaugers in klassisch reflektieren. Aus diesen Kontrasten aus träumerisch verklärter Vision und ungeschönter Realität schöpft der Filmemacher die intensivsten Momente seines Werkes und schöpft aus dieser stilistischen Extravaganz eindringliche Bilder. Ein nicht unerheblicher Anteil daran geht auch auf das Konto des Kameramannes Michael Gornick, der später auch „Dawn of the Dead” und „Day of the Dead” photographieren sollte.

Die ansprechenden darstellerischen Leistungen der Akteure tragen ihren ganz eigenen Teil zur Funktionalität des Films bei. Nebendarsteller Tom Savini trug dabei einmal mehr die Verantwortung für die recht blutigen Effekte und festigte seinen Ruf in der Folgezeit vor allem durch die weitere Zusammenarbeit mit George A. Romero. Dessen „Martin” ist ein durchaus beeindruckendes Werk, weil es sowohl als Gesellschaftsparrabel über Entfremdung und Einsamkeit als auch als psychedelischer Schocker funktioniert. Dabei wird der Handlungsraum der Stadt Braddock als trostloses Pflaster vorgestellt, bei dem sich die gesamte Tristesse allein im Sinnbild des niedergebrannten Kirchengebäudes wiederspiegelt. Mit gemächlich fortschreitendem Erzähltempo spinnt Romero seine Studie über den in sich gekehrten Jungen und verzichtet im Zuge dessen auch nicht auf eine ausgefeilte Darstellung der Triebbewältigung Martins. Um seinerzeit in den vereinigten Staaten einer X-Rated-Freigabe zu entgehen, mussten einige Szenen entschärft werden, darunter ein explizit zur Schau gestellter Gang einer Rasierklinge durch einen menschlichen Arm. Heutzutage ist das schwer zugängliche, intensiv gespielte Drama in Deutschland kaum noch zu bekommen. Doch lohnt die Suche nach diesem ungeschliffenen Underground-Juwel in jedem Falle.

Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

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