Zombie – Dawn of the Dead (USA/I 1978)

dawnofthedead78„When there´s no more room in hell, the dead will walk the earth.” – Peter

Selbst der „Night of the Living Dead” folgte ein neuer Morgen. Doch „Dawn of the Dead” ist weniger die Dämmerung der lebenden Leichen, als vielmehr die der Menschheit. Die Toten erwachen aus ihrem ewigen Schlaf, fallen über die Lebenden her und verspeisen sie. Ihre Opfer wiederum kehren selbst zurück, ihrerseits gierig nach Fleisch. Diese grausame Epidemie überrollt die Welt. Die Zivilisation ist am Abgrund, fast schon darüber hinaus. Entsetzen lähmt rationale Entscheidungen. Stattdessen wird lamentiert – bis sich die Entwicklung nicht mehr aufhalten lässt.

Exemplarisch für die Misere spielt sich das Verhalten der Menschen in einem Fernsehstudio ab. Die Nerven liegen blank, als ein Wissenschaftler verkündet, man müsse den Kopf der kannibalischen Kreaturen vom Rumpf trennen oder dem Hirn irreparablen Schaden zufügen – ohne jede Rücksicht, ob es sich bei den Infizierten um Familienmitglieder handelt. Entrüstung macht sich breit, als der Gastredner seine radikalen Thesen unterbreitet. Er wird verspottet, beschimpft, doch er behält Recht. Die Zögerlichkeit lässt wertvolle Zeit verrinnen. Während das Chaos immer weitere Kreise zieht, rücken Hoffnungsschimmer in weite Ferne.

Zehn Jahre nach seinem grimmigen schwarz-weißen Meilenstein knüpfte George A. Romero an diesen an. Beim Ausbau seiner Untotensaga fokussiert er wieder auf eine kleine Gruppe Überlebender und ihre Bemühungen, der akuten Lebensgefahr zu trotzen. Nach der unterschwelligen Kritik an der Bestie Mensch geht Romero in der Quasi-Fortsetzung weiter und hält der Konsumgesellschaft einen Spiegel vor, der sie als groteske Fratze einer implementierten Wirklichkeitsflucht entlarvt. Ohne unterschwellige Botschaft, allein als bitterbösen Kommentar auf eine konditionierte Gesellschaft.

Pilot Stephen (David Emge, „Hellmaster“), seine Freundin Francine (Gaylen Ross, „Madman“) und die desertierten Polizisten Peter (Ken Foree, „From Beyond“) und Roger (Scott H. Reiniger, „Das zweite Opfer“) wagen per Helikopter den Ausbruch. Ein klar formuliertes Ziel haben sie nicht. Umso gelegener kommt ihnen ein verwaistes Einkaufszentrum, in dem sie sich häuslich einrichten, nachdem sie es von den Untoten bereinigt haben. Doch der Frieden währt nur kurz. Roger stirbt bei der Sicherung des Komplexes und letztlich stürmt eine nomadierende Motorradrockerbande das Gebäude.

Der Unterschied zwischen den Lebenden und den wandelnden Toten ist die Menschlichkeit. Als es nicht mehr nur darum geht die eigene Haut, sondern in erster Linie die angehäuften Besitztümer zu retten, fällt dieser wesentliche Unterschied wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Statt im Angesicht der drohenden Vernichtung zu kooperieren, bekämpfen sich die Menschen gegenseitig – und sorgen so lediglich für weiteren Nachschub auf Seiten der Wiedergänger. Und weil die Theorie des Darwinismus in dieser Welt im Fadenkreuz auf ihre Verifikation pocht, sinkt die menschliche Population rege.

Bei allen nihilistischen Nuancen gewinnt Romero dem Thema humoristische Perspektiven ab. Sie machen es möglich, dem Grauen auf einer Ebene jenseits des enthemmten Blutbads zu begegnen. Allein die dem Slapstick entliehene Tortenschlacht der Rocker mit den Zombies im Einkaufszentrum rangiert nahe der Lächerlichkeit. Doch sie funktioniert stellvertretend für eine experimentelle, fast comichaft übertriebene Art des Filmemachens. Die hinterlässt Makel, beispielsweise im Finale, wenn sich kurzzeitig Tag- und Nachtszenen abwechseln. Darüber hinwegsehen lassen die starken Darsteller, Tom Savinis legendäre Spezialeffekte und die innovative Kameraführung.

Mit fast zweieinhalb Stunden geriet der hintergründige Klassiker des Splatterfilms überlang. Der italienische Kultregisseur Dario Argento („Suspiria“) schnitt das von ihm co-produzierte Werk für den europäischen Markt neu, straffte es auf unter zwei Stunden und fügte den bekannten Goblin-Scoren hinzu. Diese als Euro-Cut bekannte Fassung gilt gemeinhin als die beste, obwohl ihr ein paar der intensivsten Sequenzen zwischenmenschlicher Interaktion fehlen. Die Vorliebe muss jeder für sich entdecken. Fest jedoch steht ungeachtet einer jeden Version, dass dies ungebeugte, dazu ungewohnt intellektuelle Meisterwerk bis heute schwer beeindruckt.

Wertung: (9 / 10)

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