Hörspiel-Review: Krieg der Welten (2018, Folgenreich)

Als der visionäre Schriftsteller H. G. Wells mit „Krieg der Welten“ 1898 sein wohl berühmtestes Werk vorstellte, war die Allegorie auf das verheerende Wesen des Kolonialismus nur zu offenkundig. Zu ihr gesellt sich ein fast satirisches Moment. Denn am allseits bekannten Ende sind es nicht die Kampfmittel des britischen Königreiches, die der Gefahr aus dem All Einhalt gebieten, sondern Bakterien, unscheinbare Kleinstorganismen, denen wir Menschen bestenfalls geringfügige Bedeutung beimessen.

Zum Lachen ist die Geschichte der Marsinvasion allerdings auch in der dreiteiligen Hörspielfassung von Oliver Döring („Foster“) und Christian Gailus (Autor der „Dierk Gewesen“-Reihe) nicht. Das insgesamt rund dreistündige Science-Fiction-Epos ist bisweilen so düster, dass die Altersempfehlung ab 12 Jahren fast zu kurz gegriffen scheint. Die mit eindringlichen Toneffekten erfahrbar gemachten Szenarien von Tod und Zerstörung werfen den Hörer unvermittelt ins Geschehen und machen ihn selbst zum Zeugen der Invasion.

Hauptsächlicher Begleiter – und Erzähler in den Teilen eins und drei – ist der von Dietmar Wunder (Synchronstimme u. a. von Daniel Craig und Adam Sandler) gesprochene Journalist Simon. Zu Beginn, auf der mit Bruder Stuart (Nico Sablik, die deutsche Stimme von Daniel Radcliffe) besuchten Weltausstellung in Paris, gibt die moderne Technik noch Anlass, von den Möglichkeiten des frisch angebrochenen 20. Jahrhunderts zu Träumen. Doch nur wenig später wird die Menschheit durch eine weit höher entwickelte Spezies an den Rand der Ausrottung getrieben.

Zunächst sind es von Astronomen bemerkte Eruptionen auf der Oberfläche des Mars, die sich in einer Taktung von 24 Stunden wiederholen. Danach sind es glühende Himmelskörper, die in englischen Äckern niedergehen und die Neugier der Menschen entfachen. Doch die Euphorie schlägt bald in blankes Entsetzen um. Die vermeintlichen Meteoriten entpuppen sich als Metallkörper, aus denen Kraken-artige Wesen steigen, die ihre Raumschiffe zu dreibeinigen Kriegsmaschinen modifizieren und einen erbarmungslosen Feldzug starten.

In der Folge wird Simon zum Chronisten des Untergangs. Seine Frau lässt er in vermeintlicher Sicherheit zurück, um aus nächster Nähe dabei zu helfen, den Schlüssel für eine erfolgreiche Gegenwehr zu finden. Doch das hehre Ziel verpufft an der hoffnungslosen Überlegenheit der Marsianer, deren Kampfgeräten irdische Waffen nichts entgegenzusetzen haben. Nachdem das Ende des ersten Teils für Simon (und den Hörer) einen Cliffhanger bereithält, wird die Geschichte in Part zwei aus der Perspektive Stuarts erzählt.

Der Student erlebt hautnah mit, wie London fällt und flieht mitFreunden sowie der unterwegs aufgelesenen Mary (Christina Puciata) aus der Gefahrenzone. Doch Sicher ist es nirgendwo. Wenn nicht die Außerirdischen mit verzehrenden Energiestrahlen oder Giftgas ihr Leben bedrohen, sind es marodierende – oder gar vergewaltigende – Plünderer. Döring und Gailus sparen wahrlich nicht an entmutigenden, nahezu nihilistischen Einschlägen. Doch ist es gerade diese konsequente Schwarzfärbung, die das Hörspiel zu einem echten Erlebnis macht.  

Im Schlusskapitel scheint der Krieg bereits beendet, bevor er richtig begonnen hat. Dabei wird Simon von einem charakterlich diffusen Kuraten (Peter Flechtner, u. a. Stimme von Matthew Fox und Timothy Olyphant) in einem Kellerversteck an die Grenzen seiner (moralischen) Belastbarkeit geführt. Von einem klassischen Happy End kann daher ungeachtet der plötzlichen finalen Entwicklungen keine Rede sein. Kurzum: Ein ganz starkes Stück Kopfkino, das den Klassiker so kongenial wie vorlagengetreu interpretiert.

Wertung: (8,5 / 10)

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