Hörspiel-Review: Die Zeitmaschine (2017, Folgenreich)

Die literarischen Werke H. G. Wells‘ (1866 – 1946) sind unsterbliche Klassiker. Mit Romanen wie „Die Insel des Dr. Moreau“ oder „Die Riesen kommen“ bereicherte der Brite das Genre der Science-Fiction um einflussreiche, mit sozialkritischen Spitzen versehene Beiträge. Als seine populärsten Bücher gelten gemeinhin „Der Krieg der Welten“ und „Die Zeitmaschine“, beide mehrfach verfilmt und in ihrer Wirkung bis heute ungemindert.

Hörspiel-Regisseur Oliver Döring, der durch die Neuauflage von „Geisterjäger John Sinclair“ Bekanntheit erlangte und auch mit „Star Wars“ und „Foster“ Erfolge feierte, hat ausgewählte Schöpfungen des Wells’schen Oeuvres in modernem Gewand neu aufbereitet. Das Ergebnis ist perfekt gestaltetes und rundum fesselndes Kopfkino. Den einleitenden Beweis tritt die auf zwei je rund einstündige Episoden verteilte Adaption von „Die Zeitmaschine“ an.

Die erzählerische Qualität zeigt sich gleich zum Auftakt, der das Setting, Wells‘ Vorlage entsprechend, zunächst im viktorianischen England verortet. Der Sprung in die Gegenwart der frühen 1980er erfolgt durch einen geschickten Medienbruch, der den vorangestellten Dialog als Teil eines Fernsehspiels offenbart. Dessen Rezipient ist Jack Milton (Stimme: Hans-Georg Panczak, der u. a. Mark Hamill in „Star Wars“ synchronisierte), Universitäts-Dozent und brillanter Wissenschaftler. Doch sein jüngstes Forschungsprojekt wirft bei verschiedenen Entscheidungsträgern (oder besser: „Sesselfurzern“) Fragen auf.

Dabei handelt es sich um eine Apparatur, die sich in einem mit Lichtgeschwindigkeit rotierenden Kraftfeld in der Zeit vor- und zurückbewegen kann. Eine entsprechende Erklärung, wenn auch widerwillig, gibt Jack seinem alten Freund Cabbs (Bernd Rumpf, die deutsche Stimme u. a. von Liam Neeson und Alan Rickman), dem mit zwei weiteren Vertrauten (darunter Udo Schenk, der z. B. Gary Oldman und Ralph Fiennes vertonte) die unglaubliche Geschichte des ersten Testlaufs der Zeitmaschine dargelegt wird. Die bescheinigt der Menschheit ein unrühmliches Schicksal und führt in der Hauptsache ins Jahr 802.701.

Döring, der auch das Skript und den Schnitt verantwortet, hält sich eng an Wells‘ Vorlage, verzichtet aber nicht auf eigene Ideen und Verweise auf die populären Filmversionen von 1960 und 2002. Als cleverer Schachzug erweist sich zudem die Verlagerung der Handlung in die 1980er. Denn um die grundlegenden Zweifel der gebannt lauschenden Wissenschaftskollegen an Jacks „Reisebericht“ auch beim Zuhörer – zumindest ansatzweise – zu streuen, muss die technische Beweislage für ihn erschwert werden.

Die grundlegende Naivität der Geschichte wird (glücklicherweise) zwar nicht ausgespart, durch logische Erklärungsversuche aber spürbar gemindert. Viele Aspekte wirken phantastisch und doch nachvollziehbar. Nachdem Jack Zeuge geworden ist, wie sich die Menschheit selbst ausgelöscht hat, stößt er in der fernen Zukunft auf ihre Erben: die kindlichen Eloi, die ihr Dasein scheinbar sorgenfrei und ohne soziale Systematik fristen, und die lichtscheuen, unter der Erdoberfläche hausenden Morlocks.

Als er die junge Weena (Luisa Wietzorek, deutsche Stimme u. a. von Chloe Grace Moretz und Taissa Farmiga) vor dem Ertrinken rettet, erhält Jack von ihr – und einem Computerhologramm – Einblicke in die quasi-degenerative Entwicklung des Menschen. Beim Abstieg in die Welt der Morlocks muss er mit Schrecken feststellen, dass sich das Verhältnis zwischen „Ober-„ und „Unterschicht“ auf radikale Weise umgekehrt hat. Es sind gerade diese Aspekte, die Döring mit Anklang ans Horror-Genre spannender und ansatzweise drastischer umsetzt als die Kinoversionen.

Das offene Ende von Wells‘ Roman hat in der Hörspiel-Version ebenfalls Bestand. Es ist auch der damit verbundene abschließende Interpretationsspielraum, der die Audio-Adaption von „Die Zeitmaschine“ zu einem ganzheitlich gelungenen Vergnügen macht. Mit einem Wort: großartig!

Wertung: (9 / 10)

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