Ginji, der Schlächter (J 2003)

ginji-der-schlaechterUnnatürlich satte Farben sind eine Begleiterscheinung der digitalen Filmaufzeichnung, die durchaus als Stilmittel verstanden werden kann. Zumindest im Schaffen von Regisseur Takeshi Miyasaka („Gangsters“), dessen bedächtig erzähltes Thriller-Drama „Ginji, der Schlächter“ in derartig künstlicher Optik den Gang ins Surreale wagt. Auf den ersten Blick mag das so gar nicht zu der leisen Charakterstudie eines Mörders passen, der auch Jahrzehnte nach seiner blutigen Tat von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht wird. Doch Japans Kino ist bekannt für die Verbindung scheinbar unvereinbarer Strukturen. Warum also nicht ein weiterer Mix aus unspektakulärem Drama und überzogenem Blutvergießen?

Vor 50 Jahren hat der Kriegsveteran Ginji – in jüngeren Jahren gespielt von Riki Takeuchi („Dead or Alive“), in älteren von Isao Natsuyagi („Village of Doom“) – ein Massaker in einer Flugzeugwerft angerichtet. Dafür ging er ins Gefängnis. Als er Jahrzehnte später entlassen wird, steht er auf der Straße. Der Grund für den Überfall liegt in den geschäftlichen Unternehmungen seines vaterlandstreuen Freundes Kuroda (Renji Ishibashi, „Gozu“), der in der Zwischenzeit zum machtvollen Politiker aufgestiegen ist. Als er sich mit einem jungen koreanischen Obdachlosen anfreundet und eine hartnäckige Journalistin Nachforschungen anstrebt, muss sich Ginji seinen inneren Dämonen stellen.

Der Film gefällt sich in der Blase angedeuteter Gefühlsregungen. Nur selten bringt Miyasaka diese zum Platzen und kehrt die wahren Emotionen seiner Protagonisten nach außen. Allen voran die Ginjis, der sich so lange wie möglich vor einer Reaktion auf die Veränderungen in seinem Umfeld verschließt. Selbst als jemand eine Prämie auf seinen Kopf aussetzt und der nahende Pöbel ihn zur Flucht aus der ihm kurzzeitig Obdach bietenden Barackensiedlung zwingt, verschwendet er keinen Gedanken an Rache. Eine Unterweltorganisation bietet ihm Hilfe an. Im Gegenzug soll er Kuroda eliminieren. Aber sollte der nach all den Jahren tatsächlich die Absicht verfolgen, ihn töten zu wollen?

In mosaikartigen Rückblicken erschließt sich das Schicksal des Schlächters, der als Kamikaze-Pilot bereit war, sein Leben im Kampf zu opfern. Der damalige und der gegenwärtige Ginji stehen in starkem Kontrast zueinander. Fast scheint es, als betrachte der Film sie als unterschiedliche Personen. Erst am Ende, als sich alle Hintergründe offenbart haben, vereinen sich die beiden Seiten zu einer Figur. Noch einmal greift Ginji zur Waffe. Nicht zur Verteidigung des eigenen Lebens, sondern um zu töten. In seinen intensivsten Momenten ist das unaufgeregte, teils etwas zähe Opus geradezu betörend. Dem entgegen steht die übertriebene Gewaltdarstellung. Ein kunstvoller Gegensatz, der als Mittler diffuser Gefühlregungen ausgezeichnet funktioniert.

Wertung: (7 / 10)

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