Funny Games (A 1997)

funny-gamesDie Reflexion der Gewalt verläuft bei Michael Haneke („Benny’s Video“, „Caché“) in Bahnen, die dem Schema der puren Unterhaltung trotzen. Der Regisseur zeigt sie als alltägliche Fratze einer Welt, die nicht entartet, sondern im neutralsten Sinne normal und entsprechend erfahrbar ist. Das Grauen befällt ein Idyll der Nachvollziehbarkeit, ohne aus dem Schatten der nüchternen Betrachtung herauszutreten. Das erzeugt eine nachhaltige Wirkung, nicht zuletzt Beklemmung. Die Wertung der erschreckenden Taten bleibt aus. Sie sprechen für sich und gleichen dabei einem Schlag in die Magengrube. Kein Film des Österreichers unterstreicht das besser als das zynische Meisterwerk „Funny Games“.

Das Böse ist kaum zu erahnen, als die beiden Männer (Arno Frisch, „Blackout Journey“ / Frank Giering, „Absolute Giganten“) das Grundstück am beschaulichen See betreten. Sie Fragen bei der dort residierenden Familie nach Eiern. Ihr Auftreten ist freundlich, geradezu charmant. Das jedoch ändert sich schlagartig. Der Ton wird ruppig, Beleidigung folgt Bedrängung. Ehe sich die Urlauber versehen, werden sie zu Gefangenen. Der Willkür ihrer Peiniger, die sich ohne Grund, ja ohne jedes Motiv auf solch unmenschliche Art in eine Position herrschaftlicher Superiorität begeben, schutzlos ausgeliefert, beginnt für sie eine Zeit der Qual. Dass es die beiden Täter ernst meinen, zeigen sie früh. Ihr erstes Opfer ist der Familienhund. Dabei wird es nicht bleiben.

Haneke zwingt den Zuschauer in die Position eines Voyeurs. Gebannt, dabei wie gelähmt, muss er den sadistischen Geschehnissen folgen. Er muss sich der Willkür des Filmemachers unterwerfen. Wie auch die dreiköpfige Familie, Vater Georg (Ulrich Mühe, „Das Leben der anderen“), Mutter Anna (Susanne Lothar, „Unter dem Eis“) und Sohn Schorschi (Stefan Clapszynski). Auf eine ähnlich drastische Weise funktioniert auch das US-Terorrkino der Siebziger. Haneke tut es dieser Bewegung gleich. Auch er übt Kritik durch unbequeme Kunst. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Exploitation fehlt, die Faszination der Gewalt, transportiert durch Elemente des Horrorgenres.

Wie ernst es dem Regisseur mit seiner Intention ist zeigt eine Szene, in der die Mutter einen der Mörder erschießt. Die nagende Anspannung scheint sich zu lösen, weil nun doch das Ventil einer irreal eskapistischen Filmwelt zum Tragen kommt. Aber nicht mit Haneke. In geradezu schmerzhafter Manier greift sich der Verbliebene Täter eine Fernbedienung und spult das Geschehen einfach zurück. Sein Komplize lebt, der Terror geht weiter. Selten zeigte sich das Spiel mit den Konventionen filmischer Unterhaltungskultur von einer intensiveren und zugleich erschütternderen Seite. Der Boden unter den Füßen weggerissen, das Netz und der doppelte Boden normierter Sehgewohnheit beseitigt, muss der Zuschauer erkennen, dass es keine Hoffnung mehr gibt.

Hanekes verstörender Gegenentwurf zur Ästhetisierung der Kinogewalt ist so radikal wie umstritten. Dennoch ist die Wirkung eine durchschlagende. Selten brannte sich ein Film tiefer ins Gedächtnis. Das verdankt er vorrangig den großartigen schauspielerischen Leistungen von Susanne Lothar und Ulrich Mühe, deren Leiden schier minutiös und in quälend langen Einstellungen geschildert wird. Dem gegenüber steht das freundliche Auftreten der kaltblütigen Killer, wobei der Kontrast zwischen ihrem Geben und Handeln kaum krasser ausfallen könnte. Das detaillierte Bild sinnloser Qual reicht an den Rand der Erträglichkeit. Vergessen, so viel steht fest, wird man dieses Werk nicht mehr.

Wertung: (9 / 10)

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