Fargo (USA/GB 1996)

fargoDie Brillanz der Gebrüder Coen ist unumstritten. Der künstlerische Wert ihrer Filme steht zumeist vor ökonomischen Gesichtspunkten. Sie sind der gute Geist des Independentkinos, weil selbst die Oscar-Jury nicht an ihrer Würdigung vorbei kommt. Keines ihrer Werke verdeutlicht dies besser als „Fargo“, mit dem sie erstmals auch bei einem breiten Publikum Anklang fanden. Das Element der hintergründigen Schlitzohrigkeit tritt derart perfektioniert in eine Reihe mit dem eigentlich tragischen Kontext der Handlung, dass man kaum umhin kommt vor Lachen loszuprusten. Es ist das Spiel mit der filmischen Realität, das die Brüder hier endgültig auf die Spitze treiben.

Der einleitende Schriftzug verweist auf reale Begebenheiten, die das Drehbuch inspirierten. Das schafft Aufmerksamkeit und versieht die ohnehin gnadenlos nüchterne Erzählweise mit zusätzlicher Authentizität. Die Charaktere, in ihrer gehegten Alltäglichkeit, die sich so konsequent eines jeden Schönheitsideals versperrt, wie die verschneite Landschaftskulisse Minnesotas, sind so unscheinbar wie glaubhaft. Dass die Coens im Abspann auf die Fiktion ihrer Schöpfung verweisen, ist das Augenzwinkern vor der Gaukelei des Kinos. Genüsslich sezieren sie die Kunstform Film und garnieren sie mit einer Moral, die ob ihrer offensichtlichen Schlichtheit nicht einmal in die Nähe eines drohend erhobenen Zeigefinders blickt.

Die Aussage ist nicht, dass sich Verbrechen nicht auszahlt, sondern dass die ethische Verwerflichkeit ins Unermessliche wächst, sobald für die eigene Bereicherung Menschenleben aufs Spiel gesetzt werden. Das Verhalten der sich unrechtmäßig bereichern wollenden Protagonisten beruht auf reinem Egozentrismus und nimmt damit jedwede Konsequenz – und sei sie auch noch so wenig intendiert – billigend in Kauf. Auslöser der Ereigniskette ist der rückgratlose Autohändler Jerry Lundegaard (brillant: William H. Macy, „Magnolia“), der, um an das Geld für ein Grundstücksprojekt zu gelangen, die Entführung seiner Frau in Auftrag gibt. Ihr Vater verfügt über ein beträchtliches Vermögen. Nur hält er den Schwiegersohn für einen Versager. Das Unglück nimmt seinen Lauf.

„Fargo“ ist eine Posse, deren schwarzer Humor beizeiten menschenverachtende Züge annimmt. Nicht aus Sicht der Coens, ihr Hang zum grotesken Spiegelbild der Wirklichkeit bleibt frei von jeder kritischen Reibungsfläche. Weil Jerry aber nicht nur naiv, sondern auch ohne jede Weitsicht der Konsequenzen seines Handelns ist, setzt er seine Gattin der Gewalt des unberechenbaren Gangsterduos Showalter (Steve Buscemi, „The Big Lebowski“) und Grimsrud (Peter Stormare, „Spun“) aus. Die trampeln fortan von einem tragischen Fettnapf in den nächsten, was bald die ersten unbeteiligten Menschenleben kostet. Das wiederum ruft die hochschwangere Provinzpolizistin Marge Gunderson (für ihre Leistung Oscar-prämiert: Frances McDormand, „Almost Famous“) auf den Plan, die sich des Falles mit Gemütsruhe und Hartnäckigkeit annimmt.

Kameramann Roger Deakins, der für seine Bemühungen um die Optik des Coen´schen Kosmos dreifach Oscar-nominiert wurde, findet der frostigen Kulisse entsprechend kühle, streng durchkomponierte Bilder. Eine jede Einstellung wird zum konzeptionellen Meisterwerk, was den gesamten Film zum Mosaik grandioser Fotografie werden lässt. Die Bildsprache bleibt reduziert, das undurchdringlich, schier unendlich wirkende Weiß des Schnees die dominante Kraft. „Fargo“ ist frei von Makeln. Das Schauspiel ist durchweg hochkarätig, die Charakterisierung punktiert und die Erzählung wunderbar lakonisch. Vergessen wird man dies bittere Kleinod nicht mehr. Die Wirkung hält an, und über die bloße Spielzeit hinaus gefangen. Ein Geniestreich.

Wertung: (10 / 10)

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