Miller’s Crossing (USA 1990)

millerscrossing„Look in your heart! Look in your heart!“ – Flehentlich: Bernie

Ein Film, der im Schaffen der Gebrüder Coen bedauerlicherweise häufig übersehen wird, ist „Miller’s Crossing“. Dies erste echte Meisterwerk der brillanten Erzählkünstler, die mit „Barton Fink“ (1991) und „Fargo“ (1995) in der Folge neben den Kritikern auch zunehmend das Publikum begeisterten, breitet seine komplexe Geschichte mit solch subtiler Ironie und begeisternder Raffinesse aus, dass man sich dem höchste Konzentration einfordernden Gangsterfilm nur schwer entziehen kann. Joel und Ethan Coen, einmal mehr verantwortlich für Regie, Produktion und Skript, lassen dabei die Prohibitionsära mit ausstatterischem Aufwand und beachtlicher Besetzung eindrucksvoll aufleben.

Der kunstvoll verschachtelte Plot dreht sich um Tom Reagan (Gabriel Byrne, „Die üblichen Verdächtigen“), rechte Hand des mächtigen Unterweltbosses Leo O‘Bannon (Albert Finney, „Wolfen“). Der als Berater fungierende Stratege ist für seine Weitsicht und Klugheit geschätzt. Entsprechend rät er O’Bannon, dem Wunsch des ambitionierten Gangsters Johnny Caspar (Jon Polito, „The Big Lebowski“) stattzugeben, den betrügerischen Ganoven Bernie Bernbaum (John Turturro, „Barton Fink“) ermorden zu dürfen. Doch O’Bannon liebt Bernies Schwester Verna (Marcia Gay Harden, „Pollock“), die obendrein ein geheimes Verhältnis mit Tom unterhält. Und genau diese gefährliche Liebschaft beschwört beinahe einen Bandenkrieg herauf.

Um diesen zu verhindern, beichtet Tom seine Liaison und wird nach einer gehörigen Trachtprügel aus O’Bannons Diensten entlassen. Ein Angebot des zunehmend an Einfluss gewinnenden Caspar lässt nicht lange auf sich warten. Als Vertrauensbeweis und nicht zuletzt, um den Argwohn von Caspars Vertrautem Eddie (J. E. Freeman, „Wild at Heart“) zu zerstreuen, soll Tom den wieseligen Bernie im Wald bei Miller’s Crossing beseitigen. Doch das wehklagende Flehen des Todgeweihten macht es ihm unmöglich, den Mordauftrag auszuführen. So befiehlt Tom, dass Bernie die Stadt verlassen und untertauchen soll. Nur denkt der gar nicht daran, was eine Kette von Ereignissen und Verstrickungen in Gang bringt, die den sonst so gewieften Strategen selbst in akute Lebensgefahr bringt.

Welcher Partei Tom im aufziehenden Bandenkrieg den Rücken stärkt, bleibt jedenfalls selbst für den Zuschauer bisweilen ungewiss. Doch die Art und Weise, mit der die Gebrüder Coen die verschlungenen Handlungsstränge zusammenführen und blutbesudelt auflösen, ist mit einem Wort genial. Die Dialoge sind – wie immer im Oeuvre der Coens – geschliffen und mit unterschwelliger Ironie versehen. Zwischen diskursiven Verstrickungen über Ethik, homoerotischen Tendenzen und Intrigen, die jedem klassischen Theater-Drama Konkurrenz machen, zieht Anti-Held Byrne die Fäden und wirkt bei aller äußeren Abgeklärtheit nie so, als könnte er mit vollkommener Sicherheit davon ausgehen, dass seine Pläne auch wirklich gelingen.

Sein Ränkespiel bleibt ein von sporadischem Maschinengewehrfeuer und explosionsartigen Gewalteinlagen überschatteter Tanz auf der Rasierklinge. Mit spielfreudigem Ensemble – darunter in kleinen Rollen auch der in der Erfolgsserie „Boardwalk Empire“ selbst zum Gangsterboss aufgestiegene Steve Buscemi, Frances McDormand („Fargo“) sowie Kult-Regisseur Sam Raimi („Tanz der Teufel“) – und glänzendem Skript beweisen die Coens Genialität. Ein Frühwerk, dessen Entdeckung unbedingt lohnt!

Wertung: (9 / 10)

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