Der mit dem Wolf tanzt (USA 1990)

der-mit-dem-wolf-tanztAmerikas Ureinwohner hatten es nach der Eroberung ihres Paradieses schwer. Dank Kolumbus’ Sinn für Orientierung wurden aus ihnen Indianer, die Kolonialisten beanspruchten das neu erschlossene Land für sich und sprachen den ansässigen Eingeborenen obendrein die Lebensberechtigung ab. Die Stämme wurden mitsamt ihren Traditionen in Reservate verbannt, der an ihnen praktizierte Genozid wird geschichtlich bis heute marginalisiert. Die Darstellung der Indianer im Kino entspricht diesem unrühmlichen Gesamtbild. Über Jahrzehnte auf Klischees und Stereotypen reduziert, wandelte sich das Bild erst mit aufkommen des Spät-Westerns.

Kritische Töne wurden erst zulässig, als das Genre längst an kommerzieller Zugkraft verloren hatte und mit den alten, verklärenden Mythen und Romantisierungen brach. Werke wie „Der Mann, den sie Pferd nannten“, „Little Big Man“, „Das Wiegenlied vom Totschlag“ (alle 1970) oder auch „Der Texaner“ (1975) zeichneten ein anderes Bild und gingen mit der Politik der Vorväter hart ins Gericht. Den populärsten Beitrag leistete jedoch Kevin Costner mit seinem siebenfach Oscar-prämierten (bei 12 Nominierungen) Epos „Der mit dem Wolf tanzt“. Trotz Überlänge – bereits die Kinofassung dauerte drei, der nachgereichte Director’s Cut sogar fast vier Stunden – und seines thematischen Schwerpunkts wurde das Mammutwerk zum kommerziellen, filmhistorisch relevanten Sensationserfolg.

In seltener Deutlichkeit prangert Costner in Personalunion aus Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller die Gräuel der Weißen an den Ureinwohnern an. Streitbar bleibt das bildgewaltige Western-Drama dennoch. Denn im Mittelpunkt der ausschweifend präsentierten Geschichte steht Armee-Offizier John Dunbar (Costner), der während des Bürgerkriegs aus dem Lazarett stapft und in Todessehnsucht über das Schlachtfeld galoppiert. Zum Dank für die moralische Stütze der Truppen wird er befördert – und lässt sich zu einem entlegenen (und gänzlich verlassenen) Außenposten im Indianergebiet versetzen. Sein einziger Gefährte wird ein Wolf mit weißen Pfoten. Doch nach anfänglichem Misstrauen und beiderseitiger Furcht nähern sich Dunbar und der in der Nähe angesiedelte Stamm der Lakota an.

Langsames Vertrauen setzt ein, als der Offizier Steht mit einer Faust (Mary McDonnell, „Battlestar Galactica“), bei den Lakota aufgewachsene Tochter weißer Siedler, das Leben rettet. Er erlangt den Respekt von Häuptling Zehn Bären (Floyd Westerman, „Clearcut – Die Rache des Wolfes“) freundet sich mit Strampelnder Vogel (Graham Greene, „Halbblut“) an und wird schließlich Teil des Stammes. All das erzählt Costner mit großem Respekt vor den Indianern. Und Respekt muss man auch dem mutigen Filmemacher zollen, der sein zweifelsfrei imposantes Werk, basierend auf dem Buch Michael Blakes, der selbst auch das ebenfalls Oscar-prämierte Skript schrieb, gegen alle Widrigkeiten verteidigte und umsetze.

Aber die gezeigte Perspektive ist auch ein Stück weit polemisch und naiv. So muss erst der weiße Dunbar in die lebenswichtige Büffeljagd eingreifen, um den Stamm vor einer Hungersnot zu bewahren. Obendrein trägt er auch maßgeblich zum Sieg der Lakota über die verfeindeten Pawnee und ihren brutalen Anführer (Wes Studi, „Geronimo“) bei. Auch die Liebe zu Steht mit einer Faust bleibt durch ihre Wurzeln in den Konventionen des Kinos gefangen. Seine krassesten Momente erlebt „Der mit dem Wolf tanzt“ allerdings mit Auftauchen der militärischen Ablösung Dunbars, die die hässliche Fratze von Rassismus und Völkermord offenbart. Diese schonungslose Form der Nestbeschmutzung ließ sich wohl einfach nicht ohne Zugeständnisse ans klassische Hollywood realisieren.

Wertung: (7,5 / 10)

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