Catch the Killer (USA 2023)

„Mayor was still mayor in the sequel. That’s the lesson from ‚Jaws‘.“ – „Der weiße Hai“ als Sinnbild politischen Überlebenswillens

Es ist ein Klischee des modernen Thrillers: Ermittler*innen müssen labil sein. Dahingehend bedient auch die düstere Mörderhatz „Catch the Killer“ (im Original eigentlich „To Catch a Killer“) gewohnte Erzählschemata. Den Unterschied macht der Umgang mit der Vorbelastung. Denn im Hollywood-Debüt des Argentiniers Damián Szifron (schuf u. a. den Oscar-nominierten „Wild Tales“) geht es auch darum, welche Konsequenzen Vorgesetzte und Politiker beim Ausbleiben schneller Fahndungserfolge ziehen – und welche (persönlichen) Sachverhalte ihnen bei der Begründung dienlich sind.

Die Ausgangssituation erscheint dabei so simpel wie schockierend: In der Silvesternacht tötet ein Scharfschütze in Baltimore wahllos 29 Menschen. Vor dem Eintreffen der Polizei lässt der Täter die Hochhauswohnung, aus der die Schüsse abgefeuert wurden, in Rauch aufgehen. Eine der ersten am Tatort ist die junge Polizistin Eleanor (auch als Produzentin gelistet: Shailene Woodley, „Divergent“), die aufgrund ihrer schnellen Auffassungsgabe die Aufmerksamkeit des leitenden FBI-Beamten Lammark (Ben Mendelsohn, „Bloodline“) erregt.

Kurzerhand beruft er die Novizin, die eigentlich selbst Bundespolizistin werden wollte, aufgrund früherer Drogensucht und psychischer Instabilität aber abgelehnt wurde, in den Kreis des Ermittlerteams; nennenswertes Gewicht erhält daneben der loyale Jack (Jovan Adepo, „Overlord“). Von ihr erhofft sich Lammark entscheidende Impulse und mehr noch Aufschlüsse über das psychologische Profil des Mörders. Doch Hinweise bleiben zunächst rar und mit steigender Unruhe in der Bevölkerung nimmt auch der Druck auf die Fahnder zu, die durch Kompetenzstreitigkeiten mit anderen Instanzen zusätzlich ausgebremst werden.

Gerade die Nebenschauplätze verdeutlichen, dass „Catch the Killer“ weit mehr Ebenen bedient als die bloße Jagd auf den von Ralph Ineson („The Northman“) gespielten Amokschützen. So bleibt absehbar, dass die festgefahrene Polizeiarbeit sein Blutbad in einem Einkaufszentrum nicht verhindern kann. Allerdings ergeben sich daraus Rückschlüsse, die Eleanors Thesen stützen. Für die Zuschauenden, die mit der Kamera auch mal komplett auf den Kopf gestellt werden, resultiert ein Teil der Spannung nicht allein aus dem schleppenden Fortschritt der Ermittelnden, sondern zusätzlich aus der Frage, wie lange sie von Politik und Presse in ihren Rollen geduldet werden.   

Abseits der starken Hauptbesetzung fesselt der Film auch durch die Bildsprache. Die kühle Visualisierung, die an Klassiker wie „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) und „Sieben“ (1995) erinnert, erhält mitunter einen fast dokumentarischen Anstrich. Dazu passt, dass die wenigen auf Action setzenden Szenen ebenfalls ohne reißerische Note inszeniert sind. Überhaupt bleiben offensive Spannungsmomente bei diesem Charakter-getriebenen Thriller-Drama rar gesät. Am Ende, als Eleanor und Lammark gezwungen sind, die Lösung des Falls auf eigene Faust herbeizuführen, erhält die Erzählung zwar dezent konventionelle Züge. Jedoch wirkt das kritische Bild eines um jeden Preis unbefleckt erscheinenden Machtapparates über das Finale hinaus. Kurzum: ein überaus sehenswertes Werk.

Wertung: 7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

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