Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (USA 2007)

die-ermordung-des-jesse-james„You want to investigate my courage? Do you? Find out! Find out!” – Robert Ford

In Literatur und Kino wurde Jesse James in der Vergangenheit gern als Robin Hood des Wilden Westens gefeiert. Um den 1882 ermordeten Banditen ranken sich Mythen und Legenden. Mit dem Realismus des neuen Jahrtausends sind diese nicht mehr vereinbar, weshalb „Chopper“-Regisseur Andrew Dominik konsequent mit ihnen bricht. Der wie der Film selbst überlange Titel gibt die Essenz wider: „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“. Auf diese Zuspitzung strebt der fast 160-minütige Abgesang auf die Romantisierung jener Ära und ihrer Ausgestalter zu. In beinahe zehrender Elegie.

Dominik versteht es, die Epoche der Pioniere zu zerpflücken und ihren deprimierenden Kern zu entblößen. Das geschieht fast meditativ. Durch Wortlast und nüchterne Beobachtungsgabe schier endlos in die Breite gewalzt, bewegen sich vorrangig die stimmungsvoll eingefangenen Naturkulissen. Getreide wiegt sich im Wind, am Firmament schieben sich Wolken vorwärts. Durch solche Panoramen bewegt sich Jesse James, den Brad Pitt („Troja“) als rücksichtsloses, paranoides und von Selbstmitleid zerfressenes Wrack spielt. Bei den Filmfestspielen von Venedig wurde er dafür mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet.

Seinen Mörder, jenen Feigling Robert Ford, mimt der für seine beeindruckende Leistung Oscar-nominierte Casey Affleck („Gone Baby Gone“). Seit Kindheitstagen vergöttert der 19-jährige den populären Banditen, hortet in einem Karton unter dem Bett gar alles, was mit seinem Idol zu tun hat. Nachdem James alte Bande auseinandergebrochen ist, stoßen Robert und sein Bruder Charley (Sam Rockwell, „Tricks“) in den Kreis der Vertrauten vor. Doch die Obrigkeit hat den jungen Ford, der in seiner Unterwürfigkeit zu keiner Gegenwehr imstande scheint, bereits für ihre Zwecke eingespannt.

Parallel folgt Dominik dem Outlaw und seinem Nacheiferer. James hat 17 Menschen umgebracht. Reue scheint ihm fremd. Seine Kinder wissen nicht, auf welche Weise er die Familie ernährt. Unter falschem Namen führt er abseits der Gesetzlosigkeit ein unauffälliges Leben. Der Kriminalität abschwören kann er jedoch nicht. Sein Bruder Frank (Sam Shepard, „Black Hawk Down“) hat die Zeichen der Zeit längst erkannt. Für ihn stellen die Ersatzleute der legendären Gefolgschaft ein zu großes Risiko dar. Allen voran Robert, jener aalglatte Jüngling, der nach eigenen Bekundungen zu höherem berufen scheint.

Auf verschlungen subtilen Pfaden nähert sich das Drama dem unausweichlichen Finale. Ohne vordergründige Schauwerte, ohne konventionellen Spannungsbogen. Das Interesse erhalten die starken Darsteller aufrecht. Und Roger Deakins’ („No Country for Old Men“) brillante Kameraarbeit. Das Ende gleicht einem Suizid. Entgegen der Gewohnheit legt Jesse James seinen Colt ab und dreht dem stets argwöhnisch beäugten Robert Ford in seinem Haus den Rücken zu. In seiner manipulativen Manier missbraucht der gefürchtete Bandit den Jungen für jene letzte Konsequenz, zu der ihm selbst der Mut fehlt. Ein faszinierendes wie gleichwohl ermüdendes Opus.

Wertung: (6 / 10)

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