30.04.2016 – Groezrock 2016 u.a. mit No Use For a Name / Dag Nasty – Belgien Meerhout (Tag 2)

groezrock-2016Der zweite Tag der 2016er-Ausgabe des Groezrock stand ganz im Zeichen der heiß erwarteten Rückkehr von NO USE FOR A NAME auf europäische Bretter. Der tragische Tod ihres beliebten Frontmannes Tony Sly am 31. Juli 2012 hat dem Punk eines seiner prägnantesten Gesichter geraubt. Entsprechend emotional sollte es am Abend auf der Hauptbühne zugehen. Bis dahin standen aber verschiedene andere Hochkaräter parat. Den Anfang machten zur Mittagsstunde NOT ON TOUR, die auf der großen Stage 35 Minuten Vollgas gaben. Die Israeliten um Frontfrau Sima zeigten sich in Bestform, gaben trotz kurzer Spielzeit mehr Songs als alle anderen Bands zum Besten (darunter „Sick of This Mess“, „Dirty Envelopes“, „Gut Feeling“, „Different Kind of Weather“, „I Wanna Be Like You“, „Just Forget It“, „Flip“) und zogen ein stattliches Publikum an, dass den melodischen Punk des Vierers in den vorderen Reihen denn auch zünftig abfeierte.

Die schmalsten Bretter, genauer die Watch Out-Bühne, öffnete sich darauf den TEEN AGERS, die netten Mid-Tempo-Punk-Rock mit viel Melodie boten. Das sympathische Gespann offerierte genau den richtigen Begleit-Sound fürs Mittags-Bier und hatte mit „I Wanna Go“, „No Shadows“ oder einem Cover des GET UP KIDS-Smashers „Holiday“ sämtliche Sympathien auf seiner Seite. Zurück im Monster Energy-Zelt brach darauf die Zeit von VENEREA an. Im Vorfeld erschien die Hauptbühne – ähnlich NOT ON TOUR – etwas zu groß für die Schweden-Punks, doch dankten die mit einer spaßigen Vorstellung, bei der überraschend viele alte Hits geschmettert wurden. Der frische Langspieler „Last Call for Adderall“ wurde lediglich mit „Going Home“ und „Beans and the Grinder“ bedacht, stattdessen nostalgische Kracher wie „The Flame“ (gleich zum Auftakt), „Mr. President“, „Love Is a Battlefield of Wounded Hearts“, „Late Show“, „Shake Your Booty“ oder „Back to the Start“ geschmettert.

Für die größte Verblüffung sorgte derweil das Wetter. Während sich der Weg zu den beiden mittleren Bühnen durch den Regen des Vortags (und unzählige Besucherfüße) zunehmend in eine Schlammgrube verwandelte, blieb der als sicher geltende Dauerregen konsequent aus. Am späten Nachmittag zeigte sich gar die Sonne. Grund zur Beschwerde gab es schlicht keinen. Vor allem nicht angesichts des musikalischen Tagesprogramms. Ein weiteres Highlight enterte mit PEARS um Viertel vor zwei die Bühne im Back to Basics-Zelt. Der Andrang hielt sich zunächst in Grenzen, der ihnen vorauseilende Ruf sorgte aber dafür, dass Publikumsaufkommen und Stimmung deutlich zulegten. Der eigenwillige Mix aus Punk und Hardcore, Melodie und brachialer Kelle, überzeugte live neuerlich restlos und Frontmann Zach gab halbnackt wieder alles, was bei Nummern wie „Cumshots“, „Sycophant“ oder „Green Star“ für zünftiges Ohrenklingeln sorgte.

Im großen Zelt traten anschließend FLATCAT auf, die sehr rockigen und äußerst melodischen Punk vorlegten. Nur packen wollte das Ganze nicht sonderlich. Viele Zuschauer sahen das im Sinne der Band aber anders, so dass es an Stimmung nicht mangelte. Auf der benachbarten Freiluftbühne (Watch Out) war es darauf an BAD COP/BAD COP, dem verhältnismäßig dicht gedrängten Pulk einzuheizen. Der All-Girl-Punk mit gleich drei Stimmen am Mikro überzeugte durch Lässigkeit und Ohrwürmer des Schlages „like, Seriously?“, Get On your Knees oder „It’s My Life“. Alles nicht neu, aber angenehm treibend und rotzig. Auf der Hauptbühne versuchten danach THE MOVIELIFE zu altem Glanz zurückzufinden. Gelingen wollte das nicht. Die Band um Sänger Vinnie Caruana (I AM THE AVALANCHE) mühte sich mit bewährten Hits („Face or Kneecaps“, „Single, White, Female“, „Pinky Swear“) redlich, wirkte insgesamt aber schlicht beliebig. Der Bass zog einem zwar die Schuhe aus, der Klang insgesamt präsentierte sich jedoch dröhnend verwaschen.

Auf dem Weg zu MODERN BASEBALL, die am Nachmittag im Back to Basics-Rund spielten, gab es noch eine Runde BURN (auf der Impericon-Stage) auf die Ohren. Deren Hardcore nach Prägung der US-Ostküste präsentierte sich nicht zwingend mitreißend und zudem arg scheppernd, dafür aber sympathisch schnörkellos. Die erwähnten MODERN BASEBALL fuhren softes Kontrastprogramm zwischen Indie und Punk auf, erinnerten beizeiten an die WEAKERTHANS und ernteten verdienten Andrang im kleinsten der drei Zelte. Der Marsch zurück zur Hauptbühne ermöglichte anschließend Einblicke ins Wirken von CLOWNS. Deren treibender Hardcore-Punk war geprägt vom Einsatz ihres Sängers, der wahrlich alles gab und aus rund fünf Metern von der obersten Box der kleinen Stage ins Publikum sprang. Ein wenig aus dem Rahmen fielen darauf JULIETTE & THE LICKS. Die Band um Hollywood-Star Juliette Lewis spielt kernigen Alternative-Rock, der hier allerdings auf eher überschaubares Interesse stieß. Die Show überzeugte, der Einsatz der Lewis ebenso. Kein Highlight, aber nette Abwechslung.

Ein unbedingter Höhepunkt des Wochenendes waren THE FALCON (Back to Basics). Die All-Star-Combo um THE LAWRENCE ARMS-Frontmann Brendan Kelly und ALKALINE TRIO-Bassist Dan Andriano erhielt unlängst Verstärkung durch Dave Hause. An dessen THE LOVED ONES erinnert der Punk mit unterschwellig folk-rockiger Note bisweilen. Nur geht es dabei lauter, schneller und härter zu. Ans Mikro dufte jede der Szene-Größen, hymnische Parts und stimmungsvolle Songs wie „If Dave Did It“, „Black Teeth“, „You Dumb Dildos“ oder „The La-Z-Boy 500“ zementierten den ersten (und nach eigenem Bekunden womöglich einzigen) Europa-Auftritt des sporadisch gepflegten Kreativ-Beiwerks. Auf der Hauptbühne gingen danach die MAD CADDIES an den Start, die bei erstklassigem Sound eine chillige Ska-Party schmissen. Gespielt wurden u.a. „Backyard“,  „Brand New Scar“, „Shoot Out the Lights“ und „Distress“. Die Performance war top, die Stimmung ausgelassen. Nur ein paar ihrer älteren, deutlich härteren Stücke hätten sicher nicht geschadet.

Mit SNFU ging, neuerlich im Back to Basics-Zelt, ein weiterer Klassiker an den Start. Nun gut, Sänger Mr. Chi Pig ist mittlerweile nur noch ein Schatten seiner selbst, das goldene Kleid (!) saß allerdings wie angegossen. Dem zahnlosen, sichtlich von Drogeneskapaden gezeichneten Frontmann wurde samt Band jedoch ein herzlicher Empfang bereitet. Die Kanadier dankten es mit einem starken Set, bei dem Klassiker wie „Time to Buy a Futon“, „Drunk on a Bike“, „Better Than Eddie Vedder“, „Rusty Rake“, „Head Smashed in Buffalo Jump“, „Stepdad“, „Painful Reminder“, „You Make Me Thick“, „Don’t Have the Cow“ oder „Cannibal Cafe“ (mit Unterstützung von VENEREA-Bassist Mikael) nicht fehlen durften. Neben „Voodoo Doll“ wurde mit „Victims of a Womanizer“ zudem einer der ersten je veröffentlichten Songs der 1981 gegründeten Hardcore-Punks gespielt. Mr. Chi Pig war überraschend gut bei Stimme und sichtlich erfreut, dass seine Musik noch immer aus so vielen Kehlen mitgesungen wurde. Genießen wir ihn, solange es noch geht!

Die All-Star-Cover-Combo ME FIRST AND THE GIMME GIMMES war im Monster Energy-Zelt die nächste im Bunde. Zur Besetzung zählte neben LAGWAGON-Sänger Joey Cape auch Scott Shiflett, der an diesem Abend gleich drei Gigs bestreiten – und auch bei FACE TO FACE und NO USE FOR A NAME auf der Bühne stehen – sollte. Die GIMMES gaben sich kurzweilig wie eh und je, priesen Donald Trump als den Präsidenten, den die USA verdienen und warfen mit „Summertime“, „Somewhere Over the Rainbow“, „Straight Up“, „Jolene“ oder „I Believe I Can Fly“ ausreichend Hits ins Feld, die vom tobenden Pulk dankbar aufgegriffen wurden. Nonsens-Ansagen („We put the cunt back in C(o)untry!“) taten ihr Übriges, um die Stimmung mächtig anzuheizen.

Ihnen folgten (natürlich auf den Back to Basics-Brettern) IRON CHIC, deren rauer, herzlicher und schwer hymnischer Punk-Rock sich als einer DER Knaller des Festivals entpuppte. Der Sound war prächtig, die Publikumschöre üppig, was Stücke wie „Wolf Dix Rd.“, „Monster Man“, „Whatever Happened to the Man of Tomorrow?“, „Every Town Has an Elm Street“, „Don’t Drive Angry“, „Time Keeps On Slipping Into the (Cosmic) Future“ oder das Cover des GREEN DAY-Smashers „She“ zum echten Hochgenuss formte. Einen ansprechenden, wenn auch keinesfalls denkwürdigen Auftritt legten darauf FACE TO FACE auf der großen Bühne hin. Das Set bestand aus alten („Walk the Walk“, „Blind“, „You’ve Done Nothing“, „Ordinary“) und neuen („Bent But Not Broken“, „Double Crossed“, „Fourteen Fifty-Nine“) Hits, so dass prinzipiell kein Grund zur Klage bestand.

Das muntere Wechselspiel zwischen großem und kleinem Zelt wurde in der Folge von DILLINGER FOUR bestimmt, die ihren ersten Europa-Auftritt seit 13 Jahren absolvierten. Das Publikum hatte darauf offenkundig sehnlichst gewartet, wurden die Vier aus Minneapolis doch angemessen abgefeiert. Mit Aussprüchen wie „Do we sound fascinating?“ oder „The next one is a song!“ stellten sie in Sachen Nonsens-Ansagen sogar noch die GIMMES in den Schatten und feuerten daneben beidhändig politische Punk-Salven ab. Darunter fanden sich „Folk Song“, „Super Powers Enable Me to Blend in With Machinery“, „Clown Cars on Cinder Blocks“ und „Maximum Piss & Vinegar“. Ein wirklich cooler Auftritt, bei dem der etwas blecherne Klang die einzige Reibungsfläche offenbarte.

Das emotionale Festival-Highlight folgte danach (leider parallel zu SICK OF IT ALL) mit NO USE FOR A NAME – oder besser NO USE AND FRIENDS. In den USA wurden bereits zwei Konzerte im Gedenken an Tony Sly gespielt, bei dem verschiedene Kollegen seinen Parts am Mikro übernahmen. Die Verlagerung nach Europa dürfte jedoch ein einmaliges Erlebnis bleiben. Umso höher ist der Stellenwert des intensiven Auftritts zu bewerten. Den Anfang machte Bassist Matt Riddle, der die Massen mit „Justified Black Eye“ und „Dumb Reminders“ auf Betriebstemperatur brachte. Im Laufe der Show sang er auch „The Answer is Still No“, „Friends of the Enemy“ und das abschließende „Feeding the Fire“. Abgelöst wurde er von MAD CADDIES-Frontmann Chuck, der „Invincible“ zum Besten gab, die Lyrics wie Spike von den GIMMES (der „Coming to Close“ intonierte) aber kurioserweise ablesen musste.

Verzeihlich blieb das bei NOT ON TOUR-Sängerin Sima, die „Chasing Rainbows“ interpretierte und angesichts des Rahmens ein wenig nervös wirkte. Der Bühnenrand war von vielen Musikern bevölkert. Hauptaugenmerk lag aber auf Tony Slys Familie, waren Frau Brigitte und die beiden gemeinsamen Töchter doch extra nach Belgien gereist, um dem im Kern traurigen Spektakel beizuwohnen. Trevor Keith von FACE TO FACE nahm sich den Klassiker „Soulmate“ vor, während Joey Cape (LAGWAGON), enger Freund Tonys, mit „Exit“, „Not Your Saviour“, „For Fiona“, dem von BAD COP/BAD COP-Gitarristin Stacey Dee unterstützen „On the Outside“, „International You Day“ und „Straight From the Jacket“ den Löwenanteil des Sets stemmte. Die Huldigung des Künstlers und Menschen Tony Sly erfolgte durch Publikumschöre und frenetischen Beifall. Ihm hätte es zweifelsfrei gefallen.

Nach einem solchen Auftritt ist der Rest eher Begleitprogramm. Entsprechend beiläufig wurde mit DAG NASTY der nächste Hardcore-Klassiker goutiert – natürlich auf der Back to Basics-Stage. Die US-Genre-Wegbereiter hatten als Schmankerl Ur-Frontmann Shawn Brown dabei, der einen wesentlichen Beitrag zur starken Performance leistete. Die Akustik war großartig, der Mob dankte es in den vorderen Reihen mit viel Bewegung und stimmlicher Unterstützung. Tracks wie „Under Your Influence“, „Cold Heart“, „Another Wrong“, „Wanting Nothing“ oder das MINOR THREAT-Cover „Little Friend“ machten mächtig Eindruck und zeigte einmal mehr, dass der Glanz der alten Helden bis in die Gegenwart strahlt.

Den Headliner unter dem Monster Energy-Logo bildeten zum Abschied SUM 41, deren Kommerz-Punk bei praller Show (inklusive arg übertriebenem Einlauf) aber kaum mehr als ein Achselzucken forcierte. Abgefeiert wurden die Kalifornier und Songs wie „Motivation“, „Makes No Difference“, „Underclass Hero“, „Sick of Everyone“ trotzdem. So begann das Jubiläums-Groezrock mit Licht und Schatten, hatte nach hinten raus jedoch einige waschechte Knallerkonzerte zu bieten. Sicher, ein wenig stärker hätte das Line-Up sein dürfen, allein die seltene (oder womöglich einzige/letzte) Gelegenheit, NO USE oder THE FALCON live erleben zu dürfen, rechtfertigte den Trip aber allemal.

Fotos by: Ivo H.

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