The Get Up Kids – There Are Rules (2011, Quality Hill Records)

Bis zu ihrer 2005 vollzogenen Trennung waren die GET UP KIDS Erfolgsverwöhnt. Als Klassiker der zweiten Emo-Welle waren ihnen Fans und Kritiker nahezu einvernehmlich wohlgesonnen. Mit ihrem 2011 vorgelegten Comeback-Album „There Are Rules“ war diese Zeit vorüber. Ihre fünfte Platte, die erste seit 2004, erntete fraglos Lob, daneben aber auch Verrisse, die in der Vorzeit kaum denkbar waren. Dabei nahmen die meisten Spötter den Titel wohl zu wörtlich und erwarteten die Einhaltung eines spezifischen Regelkatalogs. Im Falle der Genre-Wegbereiter aus Kansas hätte dieser eigentlich nur ihrem mit „Something to Write Home About“ (1999) perfektionierten Sound entsprechen können. Allerdings hatte der Fünfer bereits mit „On a Wire“ (2002) bewiesen, dass er auch anders kann. Oder mehr noch will. 

„There Are Rules“, veröffentlicht über das bandeigene Label Quality Hill Records, ist fraglos ein nicht durchweg gelungenes Experiment. Mit ihm entfernten sich die GET UP KIDS vom angestammten Emo-Metier bewusst weit – musikalisch und thematisch. Die Liebesnöte der Heranwachsenden wichen adulteren Inhalten. Da schien es nur konsequent, das Dutzend komplett analog eingespielter Songs konträr zum gewohnten Sound zu positionieren. Das allein macht die Platte längst nicht schlecht. Denn bereits der Auftakt, vertreten durch „Tithe“ und den stärksten Album-Track „Regent’s Court“, schafft eine eigentümlich gelungene Atmosphäre. Dabei wird unmissverständlich deutlich, dass einschmeichelnde weiche Melodien diesmal die Ausnahme bilden. Im Mittelpunkt steht ein dreckig verwaschenes Klangkonstrukt, bei dem die Indie-Rock-Basis von New Wave, Post-Punk und vereinzelt sogar Space-Rock ergänzt wird. 

Auch die Stimme von Matt Pryor schmeichelt sich nicht zwingend ins Ohr. Ungewohnt ist das zweifelsfrei, speist mehr noch bewusst wenig in die sonst so verlässliche Hitmaschine ein. Unbestritten muss man sich auf das Wagnis einlassen können. Doch der Aufwand, wie etwa die Single „Automatic“ oder „Birmingham“ offenbaren, lohnt durchaus. Wenn man denn toleriert, dass es die alten Herzschmerz-Heroen auch mit weniger Melancholie und mehr Kanten können. Oder mit Walgesang-ähnlichen Klängen („Rally ´Round the Fool“). Im Gesamtkonzept der Platte fällt auch dem Keyboard-Einsatz von James Dewees eine besondere Rolle zu, der momentweise gar am Elektro kratzt. Jedermanns Sache war und ist die Scheibe keineswegs. Eine Chance einräumen sollte man ihr trotzdem. Und wenn es auch lediglich dem Blick über den (eigenen) Tellerrand dient.

Wertung: (7 / 10)

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