Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (D 1922)

nosferatumurnauBis heute gilt Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“ als einer der einflussreichsten und aufregendsten Horror-Filme aller Zeiten. Zugleich ist der 1921 in schwarz-weiß gedrehte Klassiker die erste Adaption von Bram Stokers berühmter Gothic Novel „Dracula“. Die Witwe des Autors verweigerte Murnau allerdings die Rechte am literarischen Werk, so dass er die Protagonisten mit anderen Namen bedachte. Der Kern der Geschichte blieb ungeachtet dramaturgischer Freiheiten jedoch erhalten – und verfehlt seine Wirkung dank der visionären Inszenierung auch in der Gegenwart nicht.

Die morbide Atmosphäre wird durch bedrohliche Kameraperspektiven, stimmige Überblenden und nicht zuletzt das brillante Spiel mit Licht und Schatten stetig verdichtet. Das aufziehende Unheil manifestiert sich durch prophetische Andeutungen bereits zu Beginn. Daran nimmt auch der Bericht eines Chronisten Anteil, der den Einzug der Pest in die (fiktive) deutsche Hafenstadt Wisborg – in der US-Version wurde daraus Bremen – umreißt. Die nämlich wird 1838 vom Vampir Orlok eingeschleppt, der Särge voll ungeweihter Erde und infizierter Ratten als Frachtgut mit sich führt.

Schauspieler Max Schreck („Die verkaufte Braut“) ging mit seiner Darstellung des kahlköpfigen Untoten in die Filmgeschichte ein. Selbst mit nagerhaften Zügen versehen, den ausgeprägten Vorderzähnen, den Krallenhänden, den spitzen Ohren, wird er zur leibhaftigen Verkörperung menschlicher Urängste, ein spiegelbildliches Phantom der Furcht vor der Dunkelheit. Schreck spielte bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahre 1936 fortwährend Theater und wirkte daneben in mehr als 40 Filmproduktionen mit. Die Rolle seines Lebens sollte ihn jedoch bis zuletzt nicht mehr loslassen und ihm selbst anhaften wie ein dunkler Schatten.

Durch den jungen Grundstücksmakler Thomas Hutter (Gustav von Wangenheim), der zu Orlok gesandt wird, um ihm ein ruinöses Gebäude im Stadtgebiet zu veräußern, ebnet sich der Vampir den Weg in die Zivilisation. Von einem Bild verzaubert, das Hutters Gemahlin Ellen (Greta Schröder) zeigt, signiert er den Kontrakt ohne Zögern. Sein Gast, im Schlaf bereits von ihm gebissen, wird nur durch eine Schreckensvision seiner Frau vor dem Tode bewahrt. Als sie in Trance flehend die Arme ausstreckt, lässt der in weiter Ferne wirkende Vampir von seinem Opfer ab. Entkräftet kann Hutter dem halbverfallenen Schloss schließlich entkommen. Der Dämon aber ist längst auf dem Weg nach Wisborg.

Eine der prägendsten Szenenfolgen ist die Schiffsüberfahrt, während der Orlok die Besatzung dezimiert. Neben der steifen Erhebung aus seinem Sarg ist besonders jene Einstellung aus dem Bauch des Schiffes hervorzuheben, die ihn beim geisterhaften Gang um eine Luke zeigt. Die niedere Perspektive lässt den Vampir überlebensgroß und unaufhaltsam erscheinen. Als Hutter letztlich in die Heimat zurückkehrt, wütet bereits die Pest. Ellen erfährt aus dem ihr eigentlich verbotenen „Buch der Vampyre“, dass das Monster nur durch die freiwillige Opferung einer Frau von reinem Herzen aufgehalten werden könne.

Das melancholische Finale, bei dem das Schicksal des Blutsaugers, der nach Ellens Hingabe an ihrem Bett verharrt, vom ersten Hahnenschrei besiegelt wird, setzt einen wahrhaft fulminanten Schlusspunkt. Murnau, dessen Virtuosität sich auch am Nebeneinander von Naturkulissen und Studiointerieurs offenbart, wurde jedoch in einen weiteren folgenschweren Urheberrechtsstreit mit Stokers Witwe verstrickt. Dieser ging so weit, dass ein Berliner Gericht 1925 die Zerstörung sämtlicher Kopien des Films verfügte. Einem für die Nachwelt glücklichen Umstand nach wurde „Nosferatu“ jedoch erfolgreich ins Ausland verkauft, wo verschiedene Negative erhalten blieben. So überdauerte der unvergessliche Meilenstein des Kinos nicht nur die Erben des literarischen Urhebers.

Wertung: (10 / 10)

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