Kind Kaputt – Zerfall (2019, Uncle M)

Der Post-Hardcore erobert Deutschland. Nicht in Gestalt US-amerikanischer Vorkämpfer wie LA DISPUTE, TOUCHÉ AMORÉ oder DEFEATER, sondern durch heimische Eigengewächse. Bands wie MARATHONMANN oder FJØRT haben erfolgreich bewiesen, dass sanft vertrackte Melodien, eruptive Ausbrüche und Schreigesang diesseits der öffentlichen Aufmerksamkeit beachtliche Zuschauerzahlen in die Clubs locken können. Mit KIND KAPUTT schickt sich ein weiterer kreativer Zusammenschluss an, die atmosphärisch intensive Sogwirkung des Genres aus dem Schatten des DIY herauszuführen.

Dabei folgen die Mannheimer jedoch nicht dem klassischen Schema, sondern wagen über kalkuliert poppige Nuancen den Tanz auf der Rasierklinge. Ein solches Experiment kann bitter in die Hose gehen. Oder aber famos gelingen. Wie bei „Zerfall“, dem Debütlangspieler des Vierers. Mit weitschweifiger Instrumentierung, die gern auch den Indie-Rock küsst, werden metaphorische Texte ausgebreitet, deren Bedeutungsschwere sich erst bei näherer Beschäftigung erschließt. Das Dutzend Tracks bildet ein komplexes Mosaik der Emotionen, einen Klangteppich zwischen nüchternem Realismus und aufgestauter Agonie. 

Einzelne Stücke hervorzuheben, fällt schwer. Zu dicht ist die Atmosphäre gewoben, zu reichhaltig sind die melodischen Ankerpunkte samt der packend kontrastierenden Ausbrüche. Dass Tracks wie „Schwertschlucken“, „Vermeiden“, „Besteck“, „Geisel“ oder „Morgen Morgen“ früher haften bleiben als andere, mindert deren Klasse nicht im Geringsten. Denn „Zerfall“ ist eine von Anfang bis Ende bärenstarke Platte, deren Vielschichtigkeit auch längerfristig neue Entdeckungspotentiale eröffnet. Der hiesige Post-Hardcore ist damit um ein weiteres Highlight reicher.

Wertung: (8 / 10)

scroll to top