House of 1000 Corpses – Haus der 1000 Leichen (USA 2003)

house-of-1000-corpses„People come, people go, but how many ever stop to take a look at the underbelly of the beast? I make ’em stop and I make ’em look. Hope you like what you see. Hope you like what you see!” – Otis

Es ist nicht von der Hand zu weisen – das kompromisslose Terrorkino der 70er-Jahre erlebt eine sattelfeste Renaissance. Als positver Effekt verdrängt es mehr und mehr das abgeerntete Terrain des Teenie-Slashers aus dem Bewußtsein des Publikums. Den Vorläufigen Höhepunkt, zumindest aus finanziellem Blickpunkt, lieferte Marcus Nispel mit der von Michael Bay produzierten Neuinterpretation des „Texas Chainsaw Massacre”. Derart hochtrabende Statistiken weiß „House of 1000 Corpses”, das Filmdebüt des ikonenhaften Metal-Rockers Rob Zombie, nicht zu bemühen. Umso höher ist zu bewerten, dass der im Herstellungsland Amerika heftig diskutierte Beitrag zur wiederentdeckten Welle des expressionistischen Horrors nun auch klammheimlich über die Leinwände unserer Ländereien herfällt.

Dabei sah es lange Zeit nicht gut aus für das ambitionierte Projekt des ehemaligen White Zombie-Frontmannes. Denn bereits nach ersten Sichtungen zog das für die Produktion verantwortliche Studio Universal seine Beteiligung zurück. Wie es heißt aus Furcht, das gezeigte Material könne nicht mit der Firmenpolitik des Majors zu vereinbaren sein. Gezwungenermaßen erwarb der enttäuschte Regisseur die Rechte zurück und ließ zwei Jahre, ein erfolgreiches Soloalbum und eine ausgiebige Tour mit Ozzy Osbourne ins Land gehen. Im Anschluss widmete er sich wieder „House of 1000 Corpses” und gewann schließlich Lionsgate als Partner, um einer Kinoauswertung doch noch gerecht werden zu können. Die Kritiker jedoch meinten es nicht gut mit seinem Werk.

Zu Unrecht, denn Rob Zombie gewährt uns Normalsterblichen einen intensiven Einblick in sein ganz persönliches Schreckenspanoptikum. Das ist gesäumt von allerlei Psychopathen, blutrünstigen Hinterwäldlern und mordgierigen Freaks. Eben aus der Art geschlagene Zeitgenossen wie der mörderische Clown Captain Spaulding (brillant: Sid Haig, „Foxy Brown”), seines Zeichens Inhaber des morbiden Museum of Monsters and Madmen. Im abseitig gelegenen Ruggsville frönt man nicht nur der Vorliebe für gegrilltes Hühnchen, sondern gleichsam der Belustigung der spärlich gesäten Besucher mit kauzigen Geschichten und dem hauseigenen Murder Ride.

Die vier Twentysomethings Mary (Jennifer Jostyn), Jerry (Chris Hardwick), Denise (Erin Daniels) und Bill (Rainn Wilson) bereisen die abgelegendsten Winkel des Landes, um Material für einen Reiseführer über Attraktionen jenseits von Massenkultur und gutem Geschmack zu sammeln. Angestachelt von Captain Spauldings nostalgischen Ausführungen über kannibalistische Massenmörder weckt an jenem Halloweenabend des Jahres 1977 vor allem Lokalmatador Dr. Satan ihr Interesse. Ausgestattet mit einer Wegbeschreibung des undurchsichtigen Clowns begibt sich das neugierige Gespann kurzerhand auf die Suche nach jenem Baum, an dem der diabolische Schlächter einst von einem aufgebrachten Lynchmob erhängt wurde. Ein anonymer Schuss aus dem Unterholz beschert den jungen Leuten auf ihrer Fahrt ins Ungewisse aber alsbald einen platten Reifen und lässt ihr Fahrzeug mitten im Nirgendwo stranden.

Die kurz zuvor aufgelesene Anhalterin Baby (Rob Zombies Freundin Sheri Moon, „The Toolbox Murders”) bietet den Touristen Obdach und die Reparatur des Wagens durch die unweit ansässige Verwandtschaft, der Familie Firefly, an. Jene besteht neben Baby aus der verschrobenden Hausherrin (Karen Black, „Die Wiege des Schreckens”), ihren Söhnen Tiny (Matthew McGrory) und Rufus (Robert Mukes), Grampa Hugo (Dennis Fimple, „King Kong”) sowie dem kaltblütigen Sadisten Otis (Bill Moseley, „Texas Chainsaw Massacre 2″). Sie nehmen die Städter scheinbar wohlwollend für die Dauer der Reparaturarbeiten bei sich auf. Doch bekommt das Quartett die perverse Obsession und pure Mordlust der Sippschaft bald am eigenen Leibe zu spüren.

Stilistisch zwischen albtraumhaftem Videoclip und der formalen Ästhetik von Oliver Stones „Natural Born Killers” angesiedelt, prügelt Rob Zombies bildgewaltiges Terror-Stakkato ohne Unterlass auf den Zuschauer ein. Der Film verstört durch die sehenswerte Fusion aus Split-Screen-Effekten, grobkörnigen Handkamerafragmenten, Standbildern, dem Einsatz verschiedener Farbfilter, Schwarz-weiß-Einblendungen und kunstvoll verwobenen Kamerafahrten. Das menschliche Gehirn hat dieser radikalen Vorgehensweise kaum etwas entgegenzusetzen, wird durch die inhaltlich zugegebenermaßen  schwachbrüstige Schauermär allerdings auch nicht zum übermäßigen Nachdenken angeregt.

Statt eines stringenten Handlungsfadens tischt Zombie episodenhaft groteske Szenarien auf und schert sich wahrlich einen Dreck um klassisches Erzählkino oder kommerzielle Trends. So verwundert es denn auch herzlich wenig, dass „House of 1000 Corpses” kaum Spannung verbreitet, sondern eher auf permanentes Unbehagen setzt. Mit skurillem Humor gewürzt, erweist sich die comiclastige Hommage an den exploitativen Horror der 70er als knietife Verbeugung vor Filmemachern wie Wes Craven, Lucio Fulci, Dario Argento oder Tobe Hooper. Logik präsentiert sich dabei nicht zwingend als Fahrgast, doch haucht der Film dieser kinematographischen Subkultur im Gegensatz zu beinahe jedem ähnlich gestrickten Machwerk der jüngeren Vergangenheit zumindest den radikalen Odem seiner Vorbilder ein. Wenn auch ohne subtile sozialkritische Zwischentöne.

Graphischer Splatter und Sequenzen ausufernder Gewalt halten sich unerwartet bedeckt. Vergebens sucht man auch Identifikationsfiguren, da nahezu jeder ins Geschehen involvierte Randcharakter zu Tode kommt. Selbst die auf Geheiß des örtlichen Sheriffs das Anwesen der Fireflys erkundenden Polizisten wydell (Tom Towles, „Henry – Portrait of a Serial Killer”) und Naish (Walton Goggins, „Shanghai Noon”) haben keine Überlebenschance. Diese einzig explizit gezeigten Tötungssequenzen zelebriert Rob Zombie mit makabrer Genüsslichkeit. Wenn sich die aus der Vogelperspektive in den Himmel schraubende Kamera vom Ort des Geschehens entfernt, während Otis dem am Boden kauernden Naish den Lauf seiner Pistole an die Schläfe presst und sich die Wartezeit auf den erlösenden Schuß zäh wie Kaugummi zieht, erreicht „House of 1000 Corpses” die Schonungslosigkeit seiner Vorbilder.

Die Geister werden sich an Zombies Werk eindeutig scheiden – wohl überwiegend in die Marschrichtung negativer Meinungsbilder. Herrlich überzogen gespielt und hervorragend fotografiert, bildet der knapp 10 Millionen Dollar teure Regie-Erstling des erstaunlich versiert zu Werke gehenden Autors, Inszenators und Komponisten Rob Zombie letzten Endes nicht mehr als einen deutlich über dem Durchschnitt ansässigen Genrebeitrag von einem wahren Fan für etwaige Gleichgesinnte. Denn bestreitbare Daseinsberechtigung hin oder her, „House of 1000 Corpses” ist Zombies Planet – wir Außenstehende sind lediglich zu Besuch!

Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

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