Django – Leck Staub von meinem Colt (I 1967)

django-leck-staub-von-meinem-coltUngewöhnlich wird der Italo-Western immer dann, wenn er sich von eigenen Konventionen löst und mehr noch der zeitgemäßen Exploitation der späten Sechziger entspricht. In Kombination mit der Freigeistigkeit der Hippie-Ära kommt in Ausnahmefällen ein psychedelisches Element hinzu, das auf den ersten Blick nicht zu Pferdeoper und Revolvermann passen will. Wer aber je „Willkommen in der Hölle“ gesehen hat, der kommt kaum umhin vor jener Mixtur aus klassischem Cowboyfilm und modernem Hirngespinst den Hut zu ziehen.

In einem Atemzug mit erwähntem Beitrag wird gern der als Vorreiter zu bezeichnende „Django – Leck Staub von meinem Colt“ (alternativ: „Töte, Django“) genannt. Der hat zwar nichts mit der legendären Figur des wortkargen Rächers gemein, leistet abseits des irreführenden Titels aber ganze Überzeugungsarbeit, wenn eine stilisierte Inszenierung auf surreales Ambiente trifft. Natürlich hätte Giulio Questi („Die Falle“) seinen Film ohne Qualitätsverlust auch in der Gegenwart des Produktionsjahres 1967 ansiedeln können – aus Produzentensicht aber nicht hätte dürfen. Das Setting der kargen Wüste und die archaische Rohheit des wilden Westens verleihen ihm jedoch den speziellen Feinschliff.

Zu Beginn lesen zwei Indianer den Pseudo-Django (brillant: Tomas Milian, „Von Angesicht zu Angesicht“) schwer verwundet in der Wildnis auf. In extravagant montierten Rückblicken erstreckt sich der Vorlauf seines Schicksals, der mit einem Raub beginnt und mit einer kaltblütigen Massenerschießung endet. Als Anführer einer Gruppe Mexikaner paktiert Django, der im Original ein namenloser Fremder bleibt, mit der Bande des skrupellosen Verbrechers Oaks (Piero Lulli, „Sartana kommt“). Dem ist nach geglückter Aneignung eines beträchtlichen Goldvorrats wenig an der Entlohnung seiner Helfer gelegen, so dass er sie einfach umlegen lässt.

Weil einer der Mexikaner vor seiner Hinrichtung die Pferde der Strolche fortscheucht, sind diese zwar reich, deshalb aber nicht gleich besser zu Fuß. Sie stranden in einer Kleinstadt, die von fadenscheiniger Gottesfurcht und allgegenwärtiger Perversion heimgesucht wird. Aus reiner Habgier werden die Neuankömmlinge von einem wütenden Mob gelyncht, der wehrhafte Oaks vom zwischenzeitlich aufgepäppelten Django mit Patronen gespickt, die seine indianischen Retter aus einem Rest des geraubten Goldes fertigten. Die Rache ist damit erfüllt, der Leidensweg des Betrogenen jedoch längst nicht zu Ende. Er wird zum Spielball zweier Interessensparteien, die sich am Vermögen in ihrer Mitte delektieren wollen.

Das bravouröse Zusammenspiel von Kamera (Franco Delli Colli, „Zeder“), Schnitt (Franco Arcalli, „1900“) und Musik (Ivan Vandor, „Töten war ihr Job“) zielt auf die Umnebelung der Sinne ab. In seiner verstörenden Melange aus alptraumhaften Bildern, experimenteller Montage und roher Gewalt ist Questis Film von enormer Wucht. Dazu kommt religiöser Symbolismus, politischer Subtext und sexuelle Anspielung. Hinter der bigotten Fassade des Wüstenkaffs klafft ein Moloch aus Kindesmisshandlung, Selbstjustiz und Homosexualität – für die Produktionszeit also thematisch noch recht heiße Eisen.

In seiner Summe ist das von Questi aufgefahrene Experiment nicht nur extraordinär, es fällt auch einer Ungemütlichkeit anheim, die der bloßen Unterhaltungsfunktion eine klare Abfuhr erteilt. „Django – Leck staub von meinem Colt“ ist harter Tobak und unbequemer Filmstoff. Für seine Gattung nicht einzigartig, in seiner Machart indes absolut ungewöhnlich. Der erste Schizo-Western seiner Zeit und ein Erlebnis von nachhaltiger Intensität.

Wertung: (8 / 10)

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