Die Grundschullehrerin (F 2017)

Früher schien der Lehrerberuf einfach zu sein: Man unterrichtete Kinder und damit hatte es sich. Heute ist vieles anders. Pädagogen müssen Vorbild sein, Erziehungsbegleiter und manchmal sogar Elternersatz. Tag für Tag werden sie mit den Auswirkungen gesellschaftlicher Probleme konfrontiert und füllen bisweilen zwangsläufig die Funktion eines Sozialarbeiters aus. In „Die Grundschullehrerin“ wirft Hélène Angel („Hotel Lebenslänglich“) einen heiter-dramatischen Blick auf dieses bürgerliche Spannungsfeld und stürzt eine idealistische, für ihren Beruf (oder besser: ihre Berufung) das Privatleben vernachlässigende Klassenvorsteherin in ein emotionales Wechselbad.

Florence Mautret (spielstark: Sara Forestier, „Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“) ist Lehrerin mit Leib und Seele. Die 32-jährige unterrichtet eine 5. Klasse in Grenoble und lebt mit ihrem Sohn Denis (Albert Cousi), selbst einer ihrer Schüler, in einem Seitentrakt der Lehranstalt. Für die ihr zugeteilten Pennäler hat sie immer ein offenes Ohr und bietet ihnen individuelle Förderung, die, wenn nötig, über die Eckpfeiler des Lehrplans hinausreicht. An ihre Grenzen stößt Florence, als sie auf den vernachlässigten Sacha (Ghillas Bendjoudi), Schüler einer Parallelklasse, aufmerksam wird und ein persönliches Interesse am Schicksal des aufbrausenden, aufgrund hygienischer Defizite kollektiv gehänselten Außenseiters entwickelt.

Aus dieser Prämisse hätte zweifelsfrei ein schwer verdaulicher Blick auf gesellschaftliche Schattenseiten werden können. Doch „Die Grunschullehrerin“ ist mehr soziales Kino als Sozial-Kino und entwickelt bei aller Dramatik ein positiv lebensbejahendes Stimmungsbild. Angel inszeniert die auch von ihr co-verfasste Geschichte überraschend leichtfüßig und hegt gern den Blick für die pointierten Aspekte. Dazu gehört auch eine (vorhersehbare) Romanze zwischen Florence und dem Essen ausliefernden Mathieu (Vincent Elbaz, „No Limit“). Der ist nicht allein ein Ex-Freund von Sachas wiederholt für Wochen abtauchender Mutter, sondern auch einer der wenigen Anlaufpunkte des Jungen.

Im Bestreben, das Sozialamt auf Distanz zu halten und Sacha die Überführung in ein Jugendheim zu ersparen, mischt sich Florence ein. Zwangsläufig ins Hintertreffen gerät darüber Denis, der ohnehin lieber mit dem getrennt lebenden Vater durch Südasien reisen würde. In all diesen kleinen und großen Konflikten wahrt Angel das herzliche Moment, das vor allem durch die in Teilen mit Laienschauspielern bestückte, angenehm natürlich agierende Besetzung getragen wird. Erzählerisch hingegen wirkt der Film unausgearbeitet, fast so, als würde die Konsequenz verschiedener Handlungen keine übergeordnete Rolle spielen. Aber genau das passt zum Charakter des französischen Films. Ein unaufdringliches, authentisches und insgesamt sehenswertes Werk.

Wertung: (7 / 10)

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