Die Axt (F/BE/E 2005)

die-axt-2005Der griechische Regisseur Constantin Costa-Gavras („Z“) hat kontroverse Themen nie gescheut. Allein seine letzten beiden Filme, das Klerus-kritische Holocaust-Drama „Der Stellvertreter“ und die wirtschaftlichen Liberalismus anprangernde Sozialstudie „Die Axt“, sprechen eine provokante Sprache. Letztgenannter taucht dazu in das Leben von Bruno Davert (brillant: José Garcia, „Haus der dunklen Wünsche“) ein, über 15 Jahre loyaler Angestellter einer Papierfabrik. Als er durch umstrukturierende Maßnahmen seinen Job verliert, hofft er aufgrund seiner Qualifikation und Erfahrung auf eine rasche Wiedereingliederung ins berufliche Leben. Zwei Jahre später wird der treu sorgende Familienvater von resignativen Existenzängsten geplagt. Um der drohenden Misere zu entgehen, schmiedet er den finsteren Plan, potentielle Mitkonkurrenten aus dem Weg zu räumen.

Mit ruhiger Hand inszeniert Oscar-Preisträger Costa-Gavras den aus Verzweiflung geborenen Feldzug eines vom System betrogenen Mannes. Das Drehbuch, basierend auf einem Roman von „Point Blank“-Urheber Donald E. Westlake, schrieb der Regisseur in Kooperation mit Jean-Claude Grumberg („Die letzte Metro“). Die Stärke des Films ist Hauptdarsteller José Garcia, der die Abgründigkeit der klugen Geschichte durch seine eindringliche Darbietung konsequent auszuloten versteht. Zwischen Abscheu und Verständnis wird der Zuschauer Zeuge, wie Bruno verwirklicht, was vermutlich nicht wenige im Geiste schon einmal durchgespielt haben. Der Mörder bleibt trotz seiner kaltblütigen Entschlossenheit Mensch. Er ist sich der Grausamkeit seiner Taten sehr wohl bewusst, legitimiert diese jedoch durch den existentiellen Kampf ums nackte Überleben.

Mit Hilfe einer Scheinfirma verschafft sich Bruno einen Überblick über mögliche Mitbewerber. Wer ist ihm in Bezug auf Bildungsgrad und Berufserfahrung ebenbürtig, wer überlegen? Die erwerbslose Elite wird zum Tode verurteilt, mit der Weltkriegspistole des Vaters aus dem Weg geräumt. Dem telegenen „Wegzappen“ entsprechend wird Bruno zum Programmchef, entscheidet aus Eigennutz über das Leben anderer. Die Eigenverantwortlichkeit des arbeitsuchenden Individuums gleicht sich der menschenverachtenden Methodik der Wirtschaft an. Auf der Strecke jedoch bleiben nicht die tatsächlichen Entscheidungsführer, sondern die ohnehin zum Opfer gestempelten Angestellten.

„Die Axt“, mit Karin Viard („Delicatessen“), Olivier Gourmet („Uneasy Riders“) und Ulrich Tukur („Das Leben der Anderen“) bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, fußt auf dem radikalen Ansatz extremistischer Liberalisierung. Das satirische Potential investiert Constantin Costa-Gavras in den Subtext. Sein Film ist ein beklemmendes Drama, dass erst am Ende den eingeschlagenen Weg verlässt und im Stile von Robert Altmans „The Player“ alle Knoten in einer Folge glücklicher Fügungen löst. Das Finale setzt einen bitterbösen Schlusspunkt, bei dem der Jäger in einer flüchtigen Andeutung selbst zum Gejagten wird. Costa-Gavras Gesellschaftskritik braucht keinen Holzhammer, die dezente Akzentuierung des Umfelds erzielt eine weit stärkere Wirkung als das Stilmittel der Groteske. Die Umstände können jeden zum Äußersten treiben – die Vorstellung ist so beängstigend wie realitätsnah.

Wertung: (8 / 10)

 

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