Der Stellvertreter (F/D/RO 2002)

der-stellvertreterDie deutsch-französische Koproduktion „Der Stellvertreter“, eine unter der Regie des zweifachen Oscar-Preisträgers Constantin Costa-Gavras entstandene Adaption des 1963 uraufgeführten Bühnenstücks von Rolf Hochhuth, sorgte bei seiner Premiere auf der Berlinale 2002 für einen Eklat. Weniger der offen kleruskritische Inhalt, als vielmehr das ursprüngliche Motiv des Kinoplakates, welches Kruzifix und Hakenkreuz in unrühmlicher Fusion abbildete, sorgte für einen offenen Boykott der Berliner Filmfestspiele durch die katholische Kirche. Dabei beleuchtet Costa-Gavras in seinem zeitweise dezent subjektiv zum Ausdruck gebrachten Drama ein weiteres unrühmliches Kapitel in der blutgetränkten Historie des Vatikans.

Im Mittelpunkt dieser sehr differenzierten, wenngleich auch dezent einseitigen Betrachtung der tatenlosen Akzeptierung der systematischen Ausrottung europäischer Juden seitens des Heiligen Stuhls, steht die Unterordnung des eigenen Wohlergehens zugunsten der schier aussichtslosen Auflehnung gegen die Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reiches. Anhand des Schicksals des realen SS-Offiziers Kurt Gerstein (Ulrich Tukur), der im Jahre 1945 in alliierter Gefangenschaft seinem Leben durch Erhängen selbst ein vorzeitiges Ende bereitete und erst 20 Jahre später rehabilitiert wurde, veranschaulicht der griechische Regisseur in zurückhaltenden, obschon ungeschönten Bildern die Mitschuld des Vatikans an der „ethnischen Säuberung“ Europas.

Ihm zur Seite steht der fiktive Jesuitenpaters Riccardo Fontana (Mathieu Kassovitz), dessen Charakter all den Geistlichen ein Denkmal setzt, die im Kampf gegen Hitler und dessen faschistoide Ideologien ihr Ansehen oder gar ihr Leben lassen mussten. Gerstein, gläubiger Christ, Chemiker im Dienste des Amtes für Rassenhygiene und Verantwortlicher für die Beschaffung des tödlichen Giftstoffes Zyklon B für eine Vielzahl der Konzentrationslager im Osten Europas, wird unter den Fittichen des gefühlskalten Doktors (Ulrich Mühe) zum unfreiwilligen Zeugen des Holocaust. Doch seine Bemühungen, den Klerus von der Konsequenz der grauenhaften Tatsachen zu überzeugen, scheitern an purem Desinteresse und Unglaube.

Nicht zuletzt auch, weil Hitler den verhassten Bolschewismus innerhalb des Kontinents weitgehend ausgemerzt hatte und damit indirekt auch dem Wunsche der Kirche selbst entsprach. Einen Fürsprecher findet Gerstein einzig im Geistlichen Fontana, der bemüht ist, den Papst von der Notwendigkeit des Widerstandes gegen die Nazis und ihre Vernichtungspolitik zu überzeugen. In der Zwischenzeit versucht Gerstein den Prozess der Massenvernichtung zu verlangsamen, doch rollen die Deportationszüge unaufhaltsam weiter gen Osten, ohne dass der Vatikan je Intervenierungsversuche unternommen hätte.

Bei der nüchternen Betrachtung der tragischen Einzelschicksale verzichtet Constantin Costa-Gavras („Z“) gänzlich auf die explizite Veranschaulichung des Völkermordes, sondern kleidet diese abscheulichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit lediglich in repetitive Versinnbildlichungen, zumeist menschenleere Züge auf ihrem Weg zurück in die besetzten Gebiete. Diesem Symbolismus entgegen steht eine Vielzahl brillianter Charakterstudien der unterschiedlichen Interessensvertreter und Regimegegner, allen voran die Hauptfiguren. Die Leistungen der Schauspieler verdienen dabei besonderes Lob. Ulrich Tukur („Comedian Harmonists“) fasziniert mit seiner Darstellung des zwischen diktatorischen Zwängen und menschlichem Handeln gefangenen SS-Offizieres Kurt Gerstein und versteht es wahrhaft meisterlich, diese innere Zerrissenheit durch verhaltene Gesten auszudrücken.

Unmerklich weniger beeindruckend zeigen sich auch Mathieu Kassovitz („Die fabelhafte Welt der Amelie“), sowie der ausdrucksstarke Charaktermime Ulrich Mühe („Funny Games“). Constantin Costa-Gavras ist mit „Der Stellvertreter“ eine beeindruckende, wenn auch unbequeme und nachhaltig prägende Geschichtslektion gelungen, die ihren Schrecken nicht aus manipulativen Bildern, sondern einer faszinierend nüchternen Erzählweise heraus entwickelt. Und das bis zum bitteren Ende. Nicht allein für Geschichtsinteressierte absolutes Pflichtprogramm.

Wertung: (8 / 10)

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