The Neon Demon (USA/F/DK 2016)

the-neon-demon„Beauty isn’t everything. It’s the only thing.“ – Sarno

Schönheit ist nicht allein relativ, sondern auch vergänglich. Die von Modeindustrie und Magermodels vorgelebten Standards nähren ein gefährliches Trugbild, das insbesondere Frauen dazu verleitet, ihr Äußeres kontinuierlich zu hinterfragen. In „The Neon Demon“ widmet sich Regie-Exzentriker Nicolas Winding Refn („Drive“) dem Preis der Schönheit; erwartungsgemäß nicht auf konventionellen Wegen, sondern als betörend visualisierter Alptraum an der Schwelle des Surrealen. Eine beschleunigte Erzählung klammert der auch als Produzent und Co-Autor fungierende Däne dabei einmal mehr konsequent aus.

Im Mittelpunkt steht die 16-jährige Jesse (großartig: Elle Fanning, „Live By Night“), die als buchstäbliche Unschuld vom Lande aus der Provinz nach Los Angeles kommt. Dort hofft die Vollwaise, die im schäbigen Hotel des gleichsam verkommenen Hank (Keanu Reeves, „John Wick“) haust, den großen Traum einer Modelkarriere verwirklichen zu können. Die Chancen, so muss sie rasch erkennen, stehen ausgezeichnet. Denn künstlicher Schönheit stellt sie eine seltene natürliche Ausstrahlung entgegen. Das kommt an. Bei Agenturleiterin Roberta (Christina Hendricks, „Mad Men“) und ebenso bei Fotograf Jack (Desmond Harrington, „Dexter“). Modedesigner Sarno (Alessandro Nivola, „American Hustle“) schwärmt gar, sie sei ein Diamant in einem Meer aus Glas. Das schafft Neider.

Make-Up Artist Ruby (Jena Malone, „Die Tribute von Panem“) drängt sich ihr als Freundin auf. Durch sie lernt Jesse die etablierten Models Gigi (Bella Heathcote, „Stolz und Vorurteil & Zombies“) und Sarah (Abbey Lee, „Mad Max: Fury Road“) kennen, die sich durch Schönheitsoperationen jung halten müssen und der unverbrauchten Konkurrentin damit nichts entgegenzusetzen haben. So führt der Weg des naiven Landeis zwangsläufig steil nach oben. Freund Dean (Karl Glusman, „Love“), ein mäßig erfolgreicher Fotograf, bleibt zwangsläufig auf der Strecke. Was klingt wie ein typisches Moralstück über Aufstieg, Fall und Einsicht, wird unter Refn zum schillernd glitzernden Panoptikum des Schreckens. So glänzend die Oberfläche auch erscheinen mag, darunter klafft stets ein finstrer Abgrund. Keine Szene könnte dies stärker verdeutlichen als der lesbisch-nekrophile Sex im Bestattungsinstitut.

Doch selbst wenn Körperlichkeit eine übergeordnete Rolle spielt, überrascht der Verzicht auf die Ausstellung der erotischen Komponente. So ästhetisch „The Neon Demon“ auch wirkt, der Körperkult spielt in der wiederum brillanten Inszenierung eine bestenfalls periphere Rolle. Vielmehr schwingt in jeder der meist langen Einstellungen Unbehagen mit. Gerade im Schlussdrittel überschatten, auf den Spuren von „Mulholland Drive“, „Black Swan“ und „Das Parfüm“, Motive von Mystery und Horror das morbide Drama. Refns Filme stehen für eine Realität, deren streng durchkomponierte Visualität beständige Überzeichnung garantiert. So ist auch sein jüngstes Werk eine kunstvoll cineastische Grenzerfahrung, bei der die Substanz zwangsläufig vom Stil dominiert wird. Nicht jedermanns Sache und doch großes (Arthouse-)Kino.

Wertung: 7.5 Stars (7,5 / 10)

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