Into the Wild (USA 2007)

into-the-wildManche Geschichten brauchen Zeit. Nicht unbedingt für die Erzählung, sondern bis sie überhaupt erzählt werden können. Zehn Jahre wartete Sean Penn darauf, Jon Krakauers Buch „Into the Wild“ verfilmen zu dürfen. Der auf dem Tagebuch des Aussteigers Chris McCandless beruhende Reise- und Erlebnisbericht war zum diskutierten Bestseller geworden. Für die Adaption aber wollte Penn die Zustimmung von McCandless Familie. Erst mit ihrem Vertrauen konnte er den Traum des jungen Mannes lebendig werden lassen, der unmittelbar nach dem College-Abschluss floh – und die Brücken zur für ihn so verlogenen Welt der Erwachsenen abbrach.

Das war 1990. Zwei Jahre später, im August, fanden Jäger die Leiche des 24-jährigen in der Wildnis von Alaska. Chris war in der Einöde verhungert. Krakauer verfasste einen Artikel über den Toten und schrieb später das Buch, in dem er den Weg des zivilisationsmüden Freigeistes mit Hilfe jener Menschen rekonstruierte, die ihm auf seinen Wegen begegnet waren. Die Reaktionen blieben gespalten. Die einen setzten McCandless Konsequenz mit Dummheit gleich. Vor seiner Abreise, über die er die Eltern in Unkenntnis ließ, zerstörte er seine Kreditkarte, den Ausweis und verbrannte sein Geld. Weil es die Menschen argwöhnisch macht.

Andere wiederum bewunderten den Mut und die Radikalität, mit der er sämtliche Fesseln des modernen kapitalistischen Daseins abstreifte und sich allein auf sich selbst verließ. Emile Hirsch („Alpha Dog“) spielt Chris McCandless mit beeindruckender Überzeugungskraft. Im Bild ist fast immer er, über 142 angenehm unprätentiöse Minuten. Die übrigen Darsteller, Catherine Keener („Capote“), Vince Vaughn („Thumbsucker“), der Oscar-nominierte Hal Holbrook („The Majestic“), selbst Marcia Gay Harden („Pollock“) und William Hurt („Syriana“) als sich vor Sorge aufreibende Eltern, die durch ihr Verhalten aber Quasi-Auslöser der Flucht des Sohnes sind, bleiben lediglich Beiwerk.

Penn, als Schauspieler Oscar-geadelt („Mystic River“), als Regisseur geschätzt („Das Versprechen“), schafft mit seinem vierten Spielfilm ein faszinierendes, intimes und sehr bewegendes Drama. Dabei geht es ihm nicht um eine Wertung, ebenso wenig um die Hinterfragung der Motive. Antrieb ist diese nicht erklärbare Sehnsucht, dies diffuse Streben nach Freiheit, das dem Menschen innewohnt und für die meisten ein nie erreichbares Gefühl bleibt. In der Zeit springt Penn vor und zurück, zeigt die Wildnis, das Tramperleben und das zurückgelassene Zuhause. Dort fungiert die Schwester (Jena Malone, „Donnie Darko“) als ergänzende Off-Erzählerin. Durch sie wird das Bild plastischer, ausgewogener, weil es neben der Losgelöstheit der einen auch den Schmerz der anderen Seite offenbart.

Wertung: (8 / 10)

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