Millencolin – Tiny Tunes/Same Old Tunes (1994/1998, Burning Heart Records)

Manche Musiker prägen bereits im Teenageralter das Hörverhalten einer Generation. Nicht zwingend auf ganz breiter Ebene, aber doch zumindest bezogen auf einen respektablen subkulturellen Zirkel. Dass aus diesem eine mitwachsende sowie -alternde Fangemeinschaft resultierte, ist im Falle von MILLENCOLIN mit zwei Faktoren verzahnt: Da ist einerseits der in rund 27 Jahren Bandgeschichte lediglich punktiert veränderte Sound und andererseits die Konstanz der seit jeher unveränderten Besetzung*.

Nach der vielversprechenden Debüt-EP „Use Your Nose“ (1993) folgte ein Jahr später ein Debütalbum, das für nachhaltige Eindrücke sorgen sollte; sowohl bei der wachsenden Anhängerschar als auch bei Warner Bros. Denn durch den Titel „Tiny Tunes“ samt zugehörigem Covermotiv sah der Unterhaltungsriese seine Urheberrechte an der Trickfilmreihe „Tiny Toons“ verletzt. Die Konsequenz: die in „Same Old Tunes“ abgewandelte Überschrift und ein verändertes Artwork. Allerdings kamen diese Attribute erst bei der 1998 vorgenommenen Wiederveröffentlichung zum Tragen.     

Doch unabhängig von Aufmachung und Name muss eines festgehalten werden: die Platte ist ein unbedingter Klassiker! Zwar legten die vier Schweden ihr (vorläufiges) Meisterstück mit dem Nachfolger „Life On a Plate“ (1995) vor, an der individuellen Klasse – und insbesondere der stattlichen Hitdichte – rüttelt das keinen Deut. Zugegeben, „individuelle Klasse“ mag angesichts der im Kern simplen Variierung US-amerikanischer Punk-Vorbilder dezent euphemistisch anmuten. Das bereits hier offensiv auf Eingängigkeit ausgerichtete Songwriting lässt allerdings kaum Wünsche offen.

Das belegen nicht allein die bekanntesten Nummern, der pfeilschnelle Opener „Mr. Clean“ und die als Single ausgekoppelte Bowling-Hymne „Da Strike“. Denn die Scheibe bietet mehr: Alleine das altschulische Skate-Punk-Brett „Disney Time“ kann mit seinen Breaks und Chören stellvertretend für die Blütezeit des europäischen Melo-Cores herangezogen werden. Nicht weniger immergrün: „Fazil’s Friend“, „Leona“ (mit Piano-Einspieler), „Dance Craze“ oder das thematisch an „Moron Brothers“ von NOFX erinnernde „The Einstein Crew“.

Die in dieser Phase noch stärker ausgeprägten Ska-Rhythmen prägen, vereinzelt auch im Zusammenspiel mit Saxophon, etwa das muntere „Chiquita Chaser“. Was heute abgegriffen wirkt, war damals heißer Scheiß. Eine der Besonderheiten bei MILLENCOLIN war, ist und bleibt aber Sänger und Bassist Nikola Sarcevic, der im Subtext immer wieder auf melancholische Töne setzt und diese bei „House of Blend“ oder dem abschließenden „Take It Or Leave It“ deutlich zur Geltung kommen lässt. Dass sie es (noch) besser können, bewiesen die Jungs in der Folge wiederholt. Absolutes Pflichtprogramm ist „Tiny Tunes“ / „Same Old Tunes“ aber fraglos bis heute.     

*Relativierende Ausnahme: Der 1993 eingestiegene Drummer Fredrik Larzon verdrängte Ur-Schlagzeuger Mathias Färm an die Gitarre. 

Wertung: (8 / 10)

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