Hacksaw Ridge – Die Entscheidung (USA/AUS 2016)

Mel Gibson („Braveheart“) mag ein streitbarer Charakter sein. Als Filmemacher bleibt der Australier aber fraglos eine Marke. Das beweist der wegen Alkoholeskapaden und antisemitischer Äußerungen tief gestürzte Star auch mit dem Anti-Kriegsopus „Hacksaw Ridge“, seiner ersten Regiearbeit seit „Apocalypto“ (2006). Die basiert auf wahren Ereignissen und rankt sich um den streng gläubigen Desmond Doss (Andrew Garfield, „The Amazing Spider-Man“), der sich 1945, nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor, freiwillig für den Kriegsdienst meldet. Das Kuriose daran: Im Gegensatz zu zahllosen anderen jungen Männern seiner Generation ist Desmond nicht bereit, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Sein Glaube und damit verbunden das göttliche Gebot „Du sollst nicht töten“ verbieten es ihm.

Für den jungen Provinzler ist das jedoch kein Widerspruch. Er will seinem Land als Sanitäter dienen und helfen, Leben zu bewahren. Für seine Vorgesetzten – darunter Vince Vaughn („True Detective“) und Sam Worthington („Avatar“) – sowie die Kameraden ist der konsequent prinzipientreue Waffenverweigerer schlichtweg ein Feigling. Bei der verlustreichen Erstürmung von Okinawa erhält Desmond die Chance, sämtliche Zweifler von der Berechtigung seines Einsatzes zu überzeugen. Das klingt zunächst nach klassischem Kino-Stoff: Ein Außenseiter, der seine Überzeugung gegen alle Widerstände verteidigt und am Ende Anerkennung erfährt. Kurzum: Der Film hätte zum Nährboden für Pathos werden können. Doch glücklicherweise macht es Mel Gibson anders als William Wallace, der den Vietnamkrieg in der brutalen Banalität „Wir waren Helden“ (2002) mit fragwürdigem Gerechtigkeitssinn (und Gibson in der Hauptrolle) zur patriotischen Pflichtübung verklärte.

Allerdings lässt der Auftakt von „Hacksaw Ridge“ zunächst ebenfalls Arges befürchten – wenn auch unter anderen Vorzeichen. Denn mit einem jeder Zahnpasta-Werbung zu Ehre gereichenden Lächeln schickt sich Desmond an, das Herz von Krankenschwester Dorothy (Teresa Palmer, „Lights Out“), seiner späteren Ehefrau, zu erobern. Notwendig war dies Maß an klischeehaftem Hollywood-Hochglanz sicher nicht. Während sich also noch die Frage stellt, wie es der seltsam flach anlaufende Film auf sechs Oscar-Nominierungen (u. a. für den sehenswerten Hauptdarsteller Garfield und Regisseur Gibson) bringen konnte, kehrt mit dem Beginn der militärischen Ausbildung – und Vaughns mit sichtlichen Anleihen bei „Full Metal Jacket“ versehenem Schleifer – qualitative Aufwertung ein. Die führt für Desmond über Ausgrenzung, Demütigungen und eine militärische Anhörung zur Erlaubnis, tatsächlich unbewaffnet in den Krieg ziehen zu dürfen.

Einen nicht unerheblichen Anteil daran hat sein versoffener Vater (Hugo Weaving, „Cloud Atlas“), der nach der Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg nie wieder zu sich selbst fand, häusliche Gewalt als probates Mittel der Erziehung betrachtet und nicht aufhören kann, die gefallenen Kameraden zu beweinen. In Rückblicken werden durch ihn ausreichend Gründe für Desmonds pazifistische Grundhaltung geliefert. Auch sie hätte der Film nicht nötig gehabt. Trotzdem gelingt Gibson ungeachtet kleinerer Makel eine bemerkenswerte Rehabilitierung. Natürlich wirkt der religiös fundamentalistisch angehauchte Stoff im Kern wie auf ihn zugeschnitten. Seine großen Stärken spielt er jedoch gerade in der schonungslosen Darstellung des sinnlosen Massensterbens aus. Da werden Gliedmaßen vom Körper gesprengt, Köpfe durchschossen oder Leiber im Kugelhagel blutig perforiert. Die grausame Wucht der Inszenierung beeindruckt. Mit heroischer Ehrerbietung hat das nichts zu tun.

Die verlustreiche Eroberung der strategisch bedeutsamen Insel Okinawa schildert Gibson als zermürbenden Stellungskrieg. Die US-Streitkräfte erklimmen das Felsplateau von Maeda und attackieren die Höhlen- und Gräbenposten der Japaner, die drängen den Feind zurück und die strategische Menschenverachtung beginnt von neuem. Mittendrin bemüht sich Desmond weit über die körperliche Erschöpfung hinaus, das Leben verwundeter Kameraden – und Feinde – zu retten. Selbst als er nach Bombenhagel und Rückzug der eigenen Truppen noch stärker Gefahr läuft, von japanischen Soldaten auf dem Schlachtfeld entdeckt und getötet zu werden, rückt er nicht von der Rettung Verwundeter ab. So wird aus dem vermeintlichen Feigling ein moralisches Vorbild. Gibsons größte Leistung ist dabei der (weitgehende) Verzicht auf pathetische Nuancen. Allerdings wären die auch eher unangebracht gewesen. Schließlich bekräftigt der echte, 2006 verstorbene Desmond Doss, das eindrucksvolle Bild eines bescheidenen Gutmenschen in abschließenden Originalaufnahmen nachhaltig.

Wertung: 7.5 Stars (7,5 / 10)

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