Interview mit Ryker’s (August 2022)

Copyright: Sonja Leonhard Fotografie

Zunächst einmal Glückwunsch zum 30. Bandjubiläum! Wenn du auf drei Dekaden RYKER’S zurückblickst, was waren unvergessliche Highlights eures bisherigen Werdegangs?

Chris: Hmmm, schwer zu sagen, da es innerhalb von 30 Jahren natürlich viele Highlights gab. Ganz sicher war es ein großartiges Gefühl, 1993 überhaupt auf die erste, richtige Europatour zu gehen. Alles war unglaublich neu, aufregend und unverbraucht. Das war ein unbeschreibliches Gefühl.

Natürlich möchte ich die weiteren Touren nicht missen und die Riesenfestivals. Wenn du dann als Band irgendwann auch im Ausland legendäre Clubs wie das CBGBs oder Wetlands in NYC spielst oder extra für Festival-Auftritte nach Indonesien eingeflogen wirst, das merkt man sich.

Wie gesagt, da haben sich eine Menge Erinnerungen angesammelt, vielleicht gibt’s ja mal ein Buch. 😉

Wie hat sich in dieser Zeit nach deinem Empfinden die Hardcore-Szene verändert – und in welchem Maße ihr selbst?

Chris: Natürlich existiert noch immer eine große, weltweite Szene und der Austausch untereinander ist aufgrund der technischen Möglichkeiten ebenfalls viel besser und vor allem einfacher geworden. Ich verspüre jedoch eine gewisse Oberflächlichkeit. Vielleicht liegt es daran, dass alles so einfach zugänglich und somit auch austauschbar geworden ist (das gilt jetzt nicht nur für unsere Form der Szene). Die Unschuld, das unbekannte Neue, das ist irgendwie auf der Strecke geblieben, wie bei so vielen Subkulturen davor bereits.

Wir selbst sind realistischer geworden, versuchen aber immer noch etwas von dem ursprünglichen Spirit zu verbreiten und neue, positive Erinnerungen zu erleben. In der Vergangenheit lebt es sich auf Dauer zwar bequem, aber das wird irgendwann auch langweilig.

Eure Fans finden sich in der ganzen Welt. Ungeachtet aller kulturellen Gegebenheiten und Unterschiede: In welchen Ländern/Regionen schlägt euch die meiste Wertschätzung entgegen?

Chris: Das, was wir in Indonesien erlebt haben, war schon etwas ganz besonderes, gerade auch wenn ich auf das von dir genutzte Wort „Wertschätzung“ zurückgreife. Ansonsten haben wir überall coole Shows gespielt und freuen uns über wirklich alle, die auf unseren Shows eine gute Zeit haben und denen wir etwas „geben“ können.

Passenderweise stellt ihr mit „Ours Was a Noble Cause” euer neues Album vor. Dabei orientiert sich der Sound wieder stärker an euren Werken der 90er. Welchen Anteil hat die Rückkehr von Ur-Frontmann Kid-D an dieser Entwicklung?

Chris: Gute Frage, die Songs standen bereits, bevor Kid wieder offiziell zu uns gestoßen ist. Allerdings habe wir beim Schreiben bereits gemerkt, dass das neue Material förmlich nach ihm „schreit“, es ist eine RYKER’S-Scheibe, die einfach nach Kid verlangt hat. Vielleicht sollte es einfach so sein. Er hat die Songs natürlich in der ihm ureigenen Form interpretiert und am Ende ballert es nun mal so, wie man es von uns erwartet.

Die Platte wirkt sehr düster, roh und wütend. Mit Blick auf die aktuelle Weltlage, welche Themen haben euch beim Songwriting am stärksten beeinflusst?

Chris: Die Scheibe reflektiert meinen momentanen Blick auf die Welt ganz gut. Ich sehe Egoisten und Narzissten, die sich einen Dreck um alle anderen scheren und buchstäblich „über Leichen gehen“.

Dazu kommt eine immer größere graue Masse, die nichts mehr sieht/hört/fühlt und keinen Tag mehr wirklich erlebt!

Wäre schön, wenn manche mal aus ihrer Lethargie aufwachen würden – aber mir fehlt da langsam der Glaube. Na ja, die Hoffnung stirbt dann halt zuletzt.

Liegt in der gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung eine Chance für Punk und Hardcore, einen Teil ihrer früheren Bedeutung zurückzugewinnen – oder bleibt Musik gerade im schnelllebigen Digitalzeitalter rein auf den Unterhaltungsaspekt reduziert?

Chris: Es wäre natürlich wünschenswert, dass entsprechende klar formulierte Meinungen und Aussagen wieder Gehör fänden und zwar auch außerhalb der kleinen, verträumten Szenewelt. Aber siehe meine vorherigen Antworten, es ist alles schnelllebiger und austauschbarer geworden.

Und schau’ dir mal die menschliche Aufmerksamkeitsspanne dieser Tage an, wer setzt sich denn noch lange mit einem Thema auseinander? Da rattern doch vorher schon wieder 500 News und sinnfrei Textnachrichten rein, die einen immer wieder vom eigentlichen Fokus ablenken. Ist das vielleicht so gewollt? Die Fragen könnt ihr euch gerne selber beantworten.

Wie waren die bisherigen Reaktionen auf „Ours Was a Noble Cause”?

Chris: So wie erwartet, ausschließlich positiv bis überschwänglich.😊

Im Ernst, ich glaube die Platte entspricht gerade auch einem gewissen Zeitgeist, daher hatten wir natürlich auch gehofft, dass dies auch „da draußen“ so ankommt. Die Platte ist hart und wütend und die Texte sind, denke ich, brandaktuell.

Zu den Songs „When the Dam Has Broken” und „Bread & Circuses” habt ihr klassische Videoclips produziert. Empfindest du solche Drehs eher als Spaß oder mehr als harte Arbeit?

Chris: Macht schon Spaß, sonst würden wir das auch nicht machen. Nach dem zehnten Einzel-Take nervt es manchmal ein bisschen, aber das passt schon. Ist ja immer toll zu sehen, wenn da am Ende etwas Schickes bei rauskommt. Auf so einen Spielfilm mit 10 Tagen Drehdauer könnte ich ggf. verzichten. Außerdem würde Kid in so einem Fall ausrasten und alles kaputt hauen! hahaha

Wie sehen eure Pläne für die nächsten Monate aus? 

Chris: Es stehen ein paar nette Festivalauftritte an und dann geht’s mal langsam an die Planung für 2023!

Um Weihnachten kommt dann ggf. noch eine Single raus, die uns allerdings gar nicht wütend und böse zeigt. Vielleicht haben wir unseren Humor ja doch nicht verloren.

Die abschließenden Worte gebühren ebenfalls dir:

Chris: Ja, danke für das Interview und euren Support. Ich beende das mal mit einem Zitat von meinem Kumpel Drew Stone: „Do good things and good things will come to you.“ Gefällt mir gut – kann mal jeder auf sich wirken lassen. Ach so, kauft alle die Platte, am besten 3 x (mindestens) – wir woll’n in Rente!

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