Interview mit Sna-Fu Grand Désordre Orchestre (Februar 2014)

snafugdo_livepicWie wäre es zu Beginn mit einer kurzen Vorstellung von SNA-FU GRAND DÉSORDRE ORCHESTRE?

Hallo, wir sind zu fünft: Ich, Cédric, und Hadrien sind an der Gitarre, Charles am Schlagzeug, Philippe am Bass und Clément ist unser Sänger.

Wir kommen aus der Pariser Banlieu, sind alle Freunde aus der Kindheit und spielen jetzt schon seit mehr als 10 Jahren zusammen.

Bislang seid ihr eher einem kleineren Publikum bekannt. Mit eurem wunderbaren dritten Album „Knives & Bells“ dürfte sich das jedoch ändern. Was gibt es über den Entstehungsprozess der Platte zu berichten?

Unsere Stärke waren immer Live-Konzerte. Und nach unserem super-komplexen und überproduzierten „Mighty Galvanizer”, unserer 2. Platte, wollten wir zu dieser Live-Energie zurückfinden. Direkter, freier und auch einfacher live zu spielen… das war die Musik, die wir mit „Knives & Bells” machen wollten.

Wir haben das Recording sehr schnell gemacht, maximal 3 Aufnahmen pro Song, ohne uns den Kopf über die kleinen Finessen zu zerbrechen. Wir wollten es so live und roh wie möglich!

Die akustischen Gitarren haben wir mit vintage Amps verstärkt, das macht den Ton so einzigartig.

Seit die französische Regierung ein Gesetz zum Schutz der Landessprache erlassen hat, singen viele Bands und Künstler ausschließlich in Französisch. Was ist euer Antrieb für die Entscheidung, in englischer Sprache zu singen?

Ja, das ist eine gute Sache für unsere Kultur und ich glaube, dass es ziemlich effektiv ist. Es gibt heute viele gute französische Bands. Aber Frankreich ist kein „Rock-Land”, und SNA-FU GRAND DÉSORDRE ORCHESTRE machen nunmal Rock. Wenn du auf Französisch singst, klingt es nicht mehr wie Rock n’ Roll, es klingt einfach nach Chanson mit elektrischer Gitarre. Das wollen wir nicht.

Ich finde es außerdem schwer, auf Französisch Lyrics zu schreiben. Der Druck der Form ist im Französischen sehr groß. Zur englischen Sprache gibt es eine bequeme Distanz, das macht es einfacher, ehrlich zu sein.

Für uns ist Englisch aber auf jeden Fall eher eine internationale Sprache als eine Hommage an Amerika, wir wollen europäischen Rock spielen.

Auf „Knives & Bells“ präsentiert ihr eine hochenergetische Mixtur aus Punk, Rock ‘n Roll und Hardcore. Wie würdet ihr den Stil von SNA-FU GRAND DÉSORDRE ORCHESTRE beschreiben und welche Bands und Künstler haben euch beeinflusst?

Unseren Stil würde ich genau so wie du beschreiben: die barsche Energie von Punk, der frische Spirit von Rock n’ Roll und die Gewalt des Hardcore.

Gruppen, die uns beeinflusst haben, sind THE MARS VOLTA, THE BLOOD BROTHERS, REFUSED, THE BRONX, THE DILLINGER ESCAPE PLAN, CONVERGE, MASTODON… Alle sind ziemlich extrem und bieten auf jeder Platte etwas neues. (CONVERGE machen einfach CONVERGE, aber sie schaffen es trotzdem immer „converger” zu werden!)

Natürlich hören wir auch gern andere Musikstile und man kann in „Knives & Bells” hören, dass wir keine Botschafter der Hardcore-Szene und erst recht nicht der Metal-Szene sind, sondern einfach aggressive Rock-Musiker.

snafuknivesbellsWie waren die bisherigen Resonanzen auf „Knives & Bells“?

Überall sind die Leute begeistert. Es gibt wenige gute französische Rockbands. John Lennon, ein guter Freund, hat mir mal gesagt, dass der französische Rock so gut sei wie der englische Wein! Und das stimmt auch heute noch!

Normalerweise sind die Leute überrascht, dass wir Franzosen sind und das ist das beste Kompliment, wenn du Rock spielst!

Womit beschäftigen sich eure Texte?

In „Knives & Bells” wollten wir die Stimme ins Zentrum stellen, also haben wir den Lyrics viel Aufmerksamkeit gewidmet.

Wir schreiben zum Teil über unsere persönlichen Erfahrungen, zum Beispiel in „I Hate Berlin” oder „Catrina”, die ein bisschen wie Love Songs sind; aber auch über die Gesellschaft in „You Don’t Like This Song” und „Deadosaurs”, die eine Kritik des Musik-Business sind.

Auch „Remakes” sind dabei: „Rising” handelt vom Film „300” und bei „I’ll Give You Money” geht es um den Crossroad Blues Mythos, in dem Tommy Johnson den Teufel traf.

Allgemein sind die Lyrics persönlicher als früher. Wir nutzen sie nicht mehr als einen Vorwand, um die Musik zu begleiten, sondern weil wir wirklich etwas zu sagen haben und verstanden werden wollen.

SNA-FU GRAND DÉSORDRE ORCHESTRE ist jetzt ein bisschen mehr als pure Musik, es ist tiefer, das ist ziemlich neu für uns.

Abseits der Kommerzialisierung war und ist Punk immer eine Art Überdruckventil für Leute, die soziale und politische Standards diskutieren (und vor allem verändern) wollen. Wenn ihr euch die aktuelle politische Situation in vielen Teilen der Welt anschaut, was macht euch am wütendsten?

Es gibt viele Dinge, die uns zum schreien bringen. Die Praktiken von Monsanto, Goldmann Sachs … das alles ist einfach unglaublich! Wir wollen aber in unseren Texten keine bestimmte politische Agenda vorgeben. Wir sehen eher die Musik selbst als eine Möglichkeit für jeden, sich seine Freiheit und Unabhängigkeit zu bewahren.

Wir sind keine Soziologen und maßen uns deshalb keine allgemeine Gesellschaftskritik an, mit Ausnahme vom Musik-Business, das wir selbst kennengelernt haben. „Deadosaurs” zum Beispiel spricht über das Aussterben der großen Labels, genauso wie in „Dinosaurs Will Die” von NOFX! Leider wird das noch ein bisschen dauern…

Warum hasst ihr Berlin?

Lies die Lyrics, der Grund ist natürlich Caroline!

Ich habe dieses Lied geschrieben, als ich von Berlin zurück nach Paris gefahren bin. Sie hatte mich im Stich gelassen und ich wollte ein Lied schreiben als Katharsis – bitch!

Außerdem ist da dieser Berlin-Hype, vor allem in Paris. Ich fand es lustig, diese Stadt einmal zu kritisieren. Aber heute wohne ich hier in Berlin…mit Caroline.

Gibt es konkrete Pläne für eine Europa-Tour, um „Knives & Bells“ ausgiebig vorzustellen?

Die Tour beginnt im April, zuerst durch Frankreich, Schweiz, Belgien und dann mal sehen… Deutschland und Berlin stehen natürlich ganz oben auf der Wunschliste! (Wäre auch billiger für mich!)

snafugdo_catrinaWas sind eure weiteren Pläne für das Jahr 2014?

Der erste Video-Clip kommt in den nächsten Wochen heraus, für „Catrina” und er ist der Hammer! Ich hoffe, es kommen noch weitere im Laufe des Jahres dazu. Bilder machen die Lieder einfach tiefer und reicher.

Wir wollen auch ein Unplugged Album aufnehmen. Für Radio und Website brauchen wir oft Unplugged Versionen und akustisch zu spielen ist immer eine ungewöhnliche, herausfordernde Erfahrung.

Eure abschließenden Worte:

I don’t really hate Berlin.

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