AFI - Silver Bleeds the Black Sun... (2025, Run For Cover)

Der Veränderungswille von AFI gleicht einer Dauerrotation. Seit der schrittweisen Abkehr vom originären Hardcore-Punk erweitern die Düster-Rocker ihren Sound beständig. Bei „Silver Bleeds the Black Sun…“, Album Nummer zwölf, trifft das auch auf die äußere Erscheinung von Sänger Davey Havok zu, der mit lockiger Mähne und Hufeisenbart wirkt wie der Vater seiner eigenen, durch schwarz gefärbte lange Haare und Eyeliner geprägte Persona früherer Tage. Dabei hätte die wohl auch am Klangbild des jüngsten Langspielers Gefallen gefunden. Denn die Goth-Rock- und Alternative-Grundierung wird diesmal durch Dark-Wave- und Post-Punk-Tendenzen variiert, die Einflüsse von SISTERS OF MERCY bis DEPECHE MODE begünstigen.
Damit gehen die Kalifornier im direkten Vergleich zum bereits zwiespältig aufgenommenen Vorgänger „Bodies“ (2021) noch einen entscheidenden Schritt weiter. Für alte Fans kann die Leier damit um Attribute wie „zu gewöhnungsbedürftig“, „zu verkopft“ oder „zu wenig zugänglich“ erweitert werden. Tatsächlich dauert es diesmal noch länger, sich dem kreativen Kern von AFI zu öffnen. Das unterstreichen langsam ausgebreitete, auf eine Atmosphäre innerer Zerrissenheit fokussierte Stücke wie „The Bird of Prey“, die Haupt-Single „Behind the Clock“, „Spear of Truth“ oder „A World Unmade“. Die Stimme von Davey Havok wirkt dabei oft entrückt und bewusst weit vom kraftvoll rockigen Duktus vergangener Werke entfernt.
Vor allem mit der immer wieder durchscheinenden Anlehnung an (Synth-)Soundkonstrukte der 1980er entkoppelt sich das Quartett endgültig von Erwartungen und vorgestanzten Genre-Schablonen. Auf eine Art überwindet die Band sich damit selbst. Es liegt auf der Hand, dass sich an diesem Ansatz die Geister scheiden; selbst wenn das finale „No One Underground“ noch einmal den (Post-)Punk ins Zentrum rückt. Aus künstlerischer Warte wirkt „Silver Bleeds the Black Sun…“ wie ein Befreiungsschlag. Ob die Fans das so genauso sehen, ist von eher untergeordneter Bedeutung.